Mittwoch, 13. August 2008


 



Niemand hat ihr je gesagt, sie sei ein hübsches mädchen. 
Sie wuchs auf in einem dorf, in einer achtköpfigen familie. als sie noch die freiheit dazu hatte, war sie ständig nur mit ihrem zwillingsbruder und seiner bande unterwegs - und sie sah aus wie er: klein, dünn,  sogar mit demgleichen haarschnitt, der vater schnitt ihnen die haare, immer kurz, aus praktischen gründen. der mutter war ihr aussehen ebenfalls unwichtig, sie schimpfte nur, wenn sie ihre klamotten dreckig machten. als jungstes kind trug sie kleidung ihrer älterer geschwister, und da sie nur eine schwester hatte und vier brüder, trug sie dementsprechend selten kleider. nur für die schule hatte sie eine uniform mit rock, weil es pflicht war. 
mit 12 oder 13 bekam sie einen verehrer aus der parallelklasse, aber sie wusste nicht, dass es ein verehrer war, erstens weil er sich überhaupt nicht so benahm, wie es einem verehrer gehört (jedenfalls wie man sich einen solchen vorstellt, wenn man französische romane liest) - er schubste sie, wenn sie sich auf dem gang begegneten, warf nach ihr mit dem ball in der sportstunde, klaute und versteckte ihre jacke oder ihre schultasche, - und zweitens weil sie nie auf die idee gekommen wäre, es könnte sie vllt einer mögen... 
sie las sehr viel. im sommer immer draussen, weit weg von zuhause, im winter war es kalt und es ging nicht anders, da saß sie zu hause in der ecke und das buch war der grenzzaun zwischen ihr und den nervenden geschwistern und eltern. das licht war  immer schlecht, von der billigsten und schwächsten glühbirne, und direkt darunter saß der vater im sessel mit seiner zeitung. und so war die folge, dass sie mit 14 eine brille aufsetzen musste, natürlich nicht in der zierlichsten ausführung, sondern ebenfalls die günstigste variante, die es beim optiker gab. sie schämte sich furchtbar, wollte sie nicht tragen, und so ließ ihre sehkraft weiter nach, als sie versuchte, ohne die brille auszukommen, so dass sie mit 16 noch viel dickere gläser verschrieben  bekam.  
mit 16 verlor sie auch ihre vorderen schneidezähne, der zahnarzt verpasste ihr die billigsten metallkronen und dies brachte sie auf den gipfel der verzweiflung. schlechte zähne hatte sie schon als kind, da ihr lieblingsessen ein mit zucker bestreutes butterbrot war und die eltern ihr nie erklärten, wie wichtig es ist, sich die zähne zu putzen. zahnpasta oder zahnpulver waren da, aber keiner kontrollierte, ob sie es benutzte. 
sie zog sich nun vollkommen zurück, lachte überhaupt nicht mehr (und wenn, dann nur mit zusammengepressten lippen) und redete wenig, um möglichst nicht mehr den mund aufmachen zu müssen. 
sie hatte damals eine freundin, die ein ähnliches schicksal erlitt. diese war von geburt an schwerhörig, doch in der schule fiel es immer häufiger auf und wurde immer mehr zur last. statt dem mädchen ein kleines unauffälliges (aber teures) hörgerät zu beschaffen, kauften ihre eltern  ein auto für den ältetsten sohn, und das mädchen bekam ein billiges großes und unbequemes hörgerät, wie es die ärmsten rentner tragen. auf dem weg zur schule nahm sie es ab, damit wollte sie sich auf keinen fall vor den anderen teenagern zeigen. dafür verstand sie kaum, was die lehrer im unterricht erzählten, sie konnte zwar von den lippen lesen, aber die leute schauten ja nicht immer zu ihr, und so saß sie nur da und blinzelte wie eine idiotin, wenn ein lehrer sie plötzlich etwas fragte. 
und so setzten sich die beiden irgendwann zusammen an einer schulbank, die eine sagte, was auf der tafel steht und die andere, was die lehrer erzählen. eine blinde und eine taube. 
später haben sie sich noch mit einem mädchen angefreundet, die ein absolut wunderschönes gesicht hatte, aber ihre linke wange und der ganze hals hässlich vernarbt waren, weil, als sie noch klein war, ein topf mit kochendem wasser auf sie herunter fiel...
die drei kamen sich vor wie behinderte monster, aber sie konnten sonst niemandem so vertrauen wie einander, weil sie keiner so gut verstehen konnte... 
vllt war dies einer der gründe, warum sie unmittelbar nach dem schulabschluss ausbrach, weit weit weg von zuhause fuhr für einen neuanfang ... sie musste viel und hart arbeiten um genug geld zu verdienen für eine hübschere brille und neue zahnkronen mit weißer emaille auf der vorderseite. sie gewann jedoch kaum an selbstvertrauen, lächelte wenig, und fremde blicke, besonders die der männer, waren ihr sehr unangenehm, sie dachte, die leute würden sie anstarren und sich über ihre hässlichkeit wundern. wenn man ihr sagte, sie hätte schöne beine oder tolle haare, glaubte sie, man würde sich über sie lustig machen. 
um so überraschter war sie als sie diesen typen kennenlernte und er sie auch noch mochte... lange zeit nahm sie ihn nicht ernst  und ignorierte sein interesse an ihr... aber irgendwann musste sie gestehen, dass etwas dran sein musste...