Sonntag, 1. Februar 2009

libertango





eigentlich war es eine meiner freundinnen, die mit ihrem kerl an dem abend ausgehen wollte, aber weil sein auto gerade kaputt war, hat er einen kumpel als chauffeur angeheuert, und damit d e r sich  im restaurant nicht langweilt, hat man mich eingeladen. ich wollte auch nicht so wirklich mit, aber keine andere hatte an dem abend zeit, und man hat mir versprochen, dass das restaurant sehr gut sein wird und ich für nichts bezahlen muss und so viel essen und trinken kann wie ich will... also habe ich mich hübsch gemacht und mich auf das kleine abenteuer eingelassen. 
im auto musste ich mich nach vorne setzen, weil die freundin mit ihrem freier hinten schmusen wollte. der typ am steuer sah absolut uninteressant aus: er war mindestens 10 jahre älter als ich, groß, dürr, lange nase, wässrig blaue augen ohne besonderen ausdruck, grau und langsam auch  schütter  (am hinterkopf und an den stirnecken) werdendes haar... er schielte immer wieder neugierig zu mir rüber und ich dachte: mein gott,  d e n  muss ich heute den ganzen abend lang beschäftigen!.. wär ich doch besser zu hause geblieben... ich drehte mich zum fenster und war wirklich kurz davor so etwas zu sagen wie: "ach du schande, ich hab ja was totaal wichtiges vergessen! halt bitte an, ich muss sofort zurück!" dann sagte ich mir: komm, nur dieses eine mal. und du musst ja nicht mit ihm schlafen, sondern nur ein wenig plaudern... und so blieb ich. das restaurant befand sich außerhalb der stadt, es gehörte zu irgend so einer villa...auf dem weg dorthin hatten wir beinahe einen unfall.  es war an sich ein sehr gemütlicher warmer abend und es war ruhig auf der strasse, doch plötzlich kam aus der gegenrichtung ein sportwagen, er fuhr auf der falschen spur und schleuderte nach links und nach rechts... wir wären beinahe ineinander gekracht, doch unser fahrer schaffte es rechtzeitig auszuweichen, nur die seite war zerkratzt. meine freundin auf dem rücksitz kreischte wie verrückt, selbst als wir anhielten, konnte sie sich nicht beruhigen und weinte hysterisch. unser fahrer ging raus um den kratzer zu begutachten. er spuckte  in den staub und schaute in die richtung, in die der sportwagen verschwand. dann setzte er sich wieder ans steuer und schaute mich zum ersten mal direkt an - und ich ihn. "warum hast du nicht geschrien, wie die?" fragte er. ich sagte nur: "ich weiß nicht." dann wendete er auf der strasse. "was hast du vor? was machst du?" - heulte meine freundin. "ich krieg ihn gleich" sagte er . in kürzester zeit haben wir ihn tatsächlich eingeholt. unser fahrer hat den sportwagen gekonnt an den rand gedrängt, gerade mal so, dass er nicht wieder überholen konnte, und ihn so bis zur nächsten verkehrskontrollposten begleitet. der sportwagenfahrer war komplett zugedröhnt, er redete wirres zeug, er würde von geistern oder teufeln verfolgt... auf dem weg zum restaurant beruhigte sich meine freundin allmählich. irgendwie fand ich sie peinlich. später dachte ich, vllt war ich so ruhig, weil der fahrer neben mir so ruhig war. ich habe die gefahr gar nicht wahrgenommen, weil  e r  mir keinen grund gab angst zu haben... erst viel später, nach dem essen und ein paar gläschen, kamen wir ein wenig ins gespräch. er trank nicht weil er am steuer war, ich trank wenig, weil ich keinen alkohol mochte. unsere freunde waren dafür breit und nur noch mit sich selbst beschäftigt. wir rückten ein wenig weiter weg von ihnen, er erzählte mir, er wäre früher rennfahrer gewesen, mit 35 hörte er auf (ich hatte recht, er war 13 jahre älter als ich) und verdiente sein geld damit  autos zu reparieren, rennwagen, aber auch private luxuskarren, oft auch nach unfällen, von den weder polizei noch versicherungen etwas wissen durften... wie dem auch sei, er war unaufdringlich, verriet mir eigentlich nicht viel von sich, stellte auch wenig fragen, erzählte aber gute witze, sodass sich die stimmung bald auflockerte und wir ganz entspannt da saßen und angetrunkene tanzende paare im saal sowie leicht  gestresste bemüht freundliche kellner beobachteten. 
Nach diesem abend wurden keine weiteren treffen vereinbart. ich signalisierte  deutlich genug, dass mich "ältere herren" in keinster weise interessierten, zudem war er alles andere als ein schönling, auch wenn er‘s ganz gut verstand, frauen zu unterhalten... er brachte uns alle nach hause und ich hätte schnell wieder alles vergessen, denn es passierten genug andere dinge in meinem leben. 
doch nach einigen tagen flogen plötzlich blumensträuße in mein fenster. 
es war heiß, wie immer im sommer, und wenn ich abends von der arbeit nach hause kam, öffnete ich das fenster, und schon kurz danach flog ein prächtiger rosenstrauß herein, als hätte er die ganze zeit das fenster beobachtet und gewartet... so ging es wochenlang. er versuchte gar nicht mit mir zu reden, sondern  warf nur rosensträuße in mein fenster, und wenn ich hinausschaute, sah ich bestenfalls ein wegfahrendes auto oder auch gar nichts. 
meine wohnung sah aus wie ein blumenladen, so viele vasen hatte ich gar nicht. anfangs konnte ich welche bei den nachbarn leihen, später stellte ich die rosen einfach in die eimer mit wasser, es roch wie in einer parfümerie, wer mich besuchte, blieb an der tür sprachlos stehen. 
in der zeit war ich ein wenig auf dem sprung, wollte jedenfalls etwas in meinem leben verändern. meine arbeit langweilte mich allmählich, sie war recht eintönig, ich kannte schon alles in und auswendig. ich versuchte mich weiterzubilden, aber das brachte mir nichts. ich bekam scheine, aber sie änderten weder etwas an meinem gehalt noch an meinen aufgaben. ich dachte daran alles hinzuschmeißen und nochmal irgendwo neu anzufangen. damals sah ich in der zeitung eine anzeige, in der servicepersonal für ein luxuskreuzfahrtschif gesucht wurde. hauptkriterien waren alter (20-30), gepflegtes aussehen, durchhaltevermögen. bis zum meer hatten wir es nicht weit, also fuhr ich hin um mich zu bewerben. und ich wurde sogar angenommen. 
nach dem treffen war ich in der stadt spazieren, an der promenade, in der touristengegend, da trieben sich viele bettler herum und so traf ich auf eine zigeunerin, die mich natürlich als erste ansprach. sie wollte mir unbedingt meine zukunft voraussagen. ich sagte, ich hätte kein interesse, und überhaupt, von mir kriegt sie nichts, aber sie ließ nicht locker, sie sagte, als sie mich sah, sah sie mein ganzes leben vor ihren augen... sie sagte, ich sei kurz davor einen fehler zu machen. wenn ich die falsche entscheidung treffe, werde ich bald sterben, ertrinken, sagte sie. wenn ich umkehre, wartet meine große liebe auf mich. ich sagte, ich glaubte ihr kein wort, und ging weg. doch manchmal bin ich ziemlich leicht zu beeindrucken. wobei  das versprechen der großen liebe war mir absolut egal, dagegen der schiffsvertrag in der tasche und die tatsache, dass ich nicht schwimmen konnte, machten mir auf einmal zu schaffen. einmal bin ich schon fast ertrunken. es war sogar hier in der nähe an irgendeinem strand.. ich ging zu tief ins wasser und übersah eine große welle, die auf mich zukam. die erfasste mich und spülte mich weg. ich schluckte schnell wasser und verlor das bewusstsein. zum glück sah mich jemand und ich wurde bald herausgeholt. ich lag unter einem baum, als ich zu mir kam. ich öffnete die augen und sah die äste und die blätter über mir, wie sie sich im leichten wind bewegten, jedes einzelne blatt, mit seinen leitbündeln und -netzen und von raupen ausgefressenen löchern, so detailreich, wie in einem traum… noch nie zuvor habe ich mich so sehr darüber gefreut einfach nur am leben zu sein.
am nächsten tag kündigte ich den vertrag und kehrte nach hause zurück.
Damals versuchte ich mein glück auch an einer fachhochschule. mein dasein als einfache arbeiterin befriedigte mich weder finanziell noch seelisch, also hoffte ich mit einem diplom einen höheren status zu erreichen, doch das studium erwies sich als nicht weniger frustrierend. wobei nicht das lernen  das problem war, sondern die fehlende motivation und immer tiefer sinkende moral: ich sah, wie viele studenten ihre scheine mit "kleinen gefälligkeiten" für ihre dozenten bezahlten, während andere ohne geld und beziehungen um jede note hart kämpfen mussten. ich fragte mich, was ist ein solches diplom wert und für wen man mich halten wird, wenn ich mich irgendwo damit bewerbe (auf einmal gewinnen worte "flexibel" und "anpassungs- und lernfähig" eine ganz neue bedeutung).
ich war  enttäuscht und sah mich in einer sackgasse, da kam mir sein spontaner vorschlag sehr gelegen, alles hinzuschmeißen und die sachen zu packen. 
er mietete ein ferienhäuschen am meer, wo wir den ganzen sommer verbrachten. ich liebe das meer und wenn ich das meeresrauschen höre, vergesse ich alle probleme dieser welt. 
meine wohnung in der stadt musste ich kündigen - da ich keine arbeit mehr hatte, konnte ich die miete nicht bezahlen. mitgenommen habe ich nur ein paar koffer mit anziehsachen, das restliche zeug wie bücher und geschirr habe ich bei freunden untergebracht mit dem versprechen, sie irgendwann abzuholen. 
wie es mit mir oder mit uns weitergehen sollte, wusste ich nicht. mir war klar, dass ich in diesem ferienhäuschen nicht ewig bleiben kann. ab und zu übernachtete ich in seiner wohnung in der stadt, wenn er dort zu tun hatte, aber dass ich dort einziehen sollte/konnte, haben wir in gesprächen nur sehr waage erwähnt. ob wir nun richtig zusammen waren oder doch nicht, konnte  keiner von uns mit sicherheit sagen. einerseits ging man davon aus, andererseits ließ man alles offen...



irgendwann musste ich ihm mitteilen, dass ich schwanger war. diese nachricht nahm er ohne begeisterung auf. doch das machte mir nicht viel aus. obwohl ich in ihn verliebt war, sah ich mich nicht gezwungen, ihn an mich unbedingt binden zu müssen. ich wurde schwanger, weil ich ein kind haben wollte. nur ein kind kann meinem leben einen sinn geben, dachte ich. ob ich es mit ihm zusammen oder ganz allein großziehe, war mir egal, ich war sogar schon darauf gefasst, dass wir uns bald trennen und fing nun langsam an zu überlegen, wohin mit mir. 
einmal waren wir unterwegs mit seinem auto aus der stadt zurück zum meer, nachdem er wieder mal irgend etwas geschäftliches zu erledigen hatte und wir stritten uns wieder mal wie so oft in letzter zeit, weil ich extrem  reizbar und launisch wurde... er hielt an einer tankstelle weil ich zur toilette musste. 
als ich mir die hände wusch und feststellte, dass der trockner nicht funktionierte, ging ich zur tür mit nassen händen und absoluter gewissheit, dass sein auto nicht mehr dort vor der tankstelle stand. der gedanke war weder überraschend noch beängstigend, es war für mich einfach nur eine tatsache, und ich fragte mich bereits, ob ich hier einen bus  oder eine mitfahrgelegenheit kriegen  konnte. ich war hingegen sehr überrascht, als ich sein auto dort sah, wo er vorher anhielt. als ich mich wieder zu ihm setzte, sagte ich "tja, du bist ja noch da.." und er sah mich entsetzt an, als wäre ich ein geist oder als hätte ich seine gedanken gelesen. 
er fragte: "hätte ich nicht mehr da sein sollen?" - "ich weiß nicht, - sagte ich,- ich war mir sicher, du bist weggefahren." er antwortete nichts weiter, entweder fiel ihm keine rechtfertigungen ein, oder er hielt sie für überflüssig... mein sogenannter  sechster sinn, meine intuition brachten ihn oft in verlegenheit, jedenfalls konnte er schlecht damit umgehen. wir waren mal aufm markt um groß einzukaufen, vergassen aber karotten. das fiel uns ziemlich spät auf dem rückweg ein und wir stritten uns wieder im auto, ich bestand darauf umzukehren und nochmal zum markt zu fahren, weil ich ohne karotten nicht kochen konnte, und da mussten wir plötzlich bremsen, weil  etwas mitten auf der strasse lag - ein sack  karotten, anscheinend von einem feldlaster gefallen...
ein anderes mal wartete ich auf ihn in seiner wohnung, er hatte wieder etwas zu tun in der stadt, wollte aber zum abendbrot zurückkommen. es war schon sehr spät und ich machte mir sorgen, ich wollte ihn unbedingt sehen, da ging ich raus und einfach irgendwo hin, wo ich dachte, dass ich ihn finden würde. es war weit weg vom zentrum, durch hinterhöfe, garagen, ich ging zu einer bestimmten tür, es sah aus wie eine werkstatt, im spalt unter der tür sah man schwaches licht. ich klopfte und nach einer weile machte man mir auf. drin waren ein paar männer mit einem auto beschäftigt und er. alle sahen mich verwundert an. "wie hast du mich gefunden?"- fragte er, - "woher wusstest du, dass ich hier bin?" - "hat sie keine bullen mitgebracht?" - fragte ein anderer. jemand schaute sich draussen um, nein alles ruhig, niemand da. ich wusste tatsächlich nichts von dieser werkstatt, er nahm mich ja nie mit. in solchen momenten glaubte er wahrscheinlich, ich sei eine hexe.  wenn er nicht schon vorher dachte, alle frauen seien hexen. 
es wahr ihm tatsächlich oft unheimlich mit mir, vllt war dies einer der gründe, warum er mich verließ, vllt war dies aber auch die übliche vorgehensweise bei ihm, er war ein frauenheld und hatte bereits einige uneheliche kinder irgendwo dadraußen, die er jedoch nie sah, weil ihre mütter nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. (es waren tatsächlich alles sehr stolze und unabhängige frauen, was ihm sehr gut passte.)
nach dem vorfall an der tankstelle verschwand er für lange zeit.
er wollte mich tatsächlich möglichst schnell  loswerden, doch dachte er wahrscheinlich, es sei unmoralisch, eine schwangere frau an einer tankstelle zurückzulassen (so werden hunde ausgesetzt), in einem ferienhäuschen - das wäre schon besser. er hat auch die miete einen monat im voraus bezahl, so dass ich nicht sofort ausziehen musste. ich blieb und wartete, obwohl ich genau wusste, dass er nicht mehr zurückkommt. ich wurde starr und träge, ich verbrachte die tage am strand und an der promenade, es wurde dort immer leerer, die urlauber kehrten heim, das wetter war noch gut, aber  ferien gehen ja irgendwann zu ende, nur ich wollte nicht weg vom meer. 
oktober fing an. die vermieterin - eine alte einsame frau - forderte mich nun jeden tag auf auszuziehen. ich sagte, ich warte auf meinen freund, er holt mich ab und bezahlt die miete, doch sie wollte nichts wissen. sie sagte, sie erwarte neue gäste und da ich nicht zahle, muss ich raus. ich sagte, ich weiß sonst nicht, wohin, und wenn mein freund zurückkommt, wird er mich suchen... sie sagte zwar: "er kommt nicht! wach endlich auf, kindchen!" doch sie ließ mich bei ihr wohnen. sie gab mir ein kleines zimmerchen in ihrem haus, vllt weil sie es nicht wagte, eine schwangere auf die strasse zu setzen, ansonsten war sie nicht besonders gastfreundlich. sie meinte:  du kannst noch eine weile auf deinen freund warten, aber versorgen musst du dich selbst. sie hoffte, dass ich so eher verschwinde, klar, in ihrem haus war ich einem größeren druck ausgesetzt als in dem ferienhäuschen. ich hatte einen aushilfsjob in einem restaurant an der promenade. ich kam jeden abend dort vorbei und fragte, ob etwas zu tun gäbe. wenn sie viele gäste hatten, konnte ich beim spülen helfen und so ein wenig geld verdienen. es kamen aber immer weniger leute, die köche schafften alles selbst. dann fragte ich, ob sie etwas übrig hatten. der chef ließ mich dort manchmal essen. von der alten frau bekam ich nichts. nur ein einziges mal völlig unerwartet stellte sie mir ein teller mit pfannkuchen und einem klecks schmand drauf hin. es war der todestag ihres mannes. er mochte pfannkuchen mit schmand, erklärte sie. 
in dem restaurant freundete ich mich mit einer kellnerin an, sie war ein paar jahre junger als ich und hatte großen mitleid mit mir. ich durfte bei ihr einziehen. sie versorgte mich mit butterbroten und warmen mittagessen aus dem restaurant noch einen monat lang. mit ihrer hilfe konnte ich noch ein paar mal in die stadt fahren um bei den freunden das geld für ein flugticket zusammenzuborgen. danach flog ich zu meinen eltern. 
Mein vater bat einen bekannten  mich am flughafen abzuholen. seit ich mit 16 als jungste und letzte das haus verließ, sind sie nicht mehr umgezogen und lebten im selben dorf, und auch sonst im haus veränderte sich nicht mehr viel. 
als ich erzählte, warum ich wieder da war, rief meine mutter: "meine güte! was werden bloß die nachbarn sagen!?" mein vater reagierte gelassen. "mich interessiert nicht was die nachbarn sagen.- sagte er,- aber ich will es klar stellen: keine spielchen! wenn ihr euch getrennt habt, dann habt ihr euch getrennt. und wenn er es wagt hierher zu kommen, werde ich ihn erschießen." 



meine eltern lebten von ihrer rente und dem, was sie im gemüsegarten ernteten. das mangelnde geld war nie das thema, viel mehr probleme hatte meiner mutter damit, dass ich mich ins haushalt "einmischte". ich sah es als meine pflicht, ihr zu helfen und wenigstens gelegentlich den abwasch oder kochen zu übernehmen, doch sie hatte entweder angst, nicht mehr gebraucht zu werden, oder dass meinem vater meine suppen besser schmeckten, als ihre, oder was auch immer... die spannung stieg. ich versuchte selbst geld zu verdienen, nicht zuletzt um möglichst wenig zeit zu hause zu verbringen, doch es gab wenig zu tun auf dem land im spätherbst. die erntezeit war längst vorbei, es blieben lediglich ausgeschlachtete pflanzenreste auf den feldern, sie wurden   aufgesammelt, in gruben geworfen und zusammengepresst. diese masse konnte dann im winter den milchkühen verfüttert werden.  wer jetzt noch arbeitete, hatte es bitter nötig. das wetter war miserabel, windig, regnerisch, kalt. nasse erde klebte in dicken klumpen  an den gummistiefeln, handschuhe zu tragen machte keinen sinn, denn sie wurden auch schnell naß und die hände froren darin noch mehr als ganz ohne. ich zog die kaputze  über die augen bis zur nase hinunter und betete, dass ich mich bloß nicht erkälte. am ende dieser aufräumsaison verkündete der vorarbeiter, dass er geburtstag hat, zuhause ließ man für ihn ein pferd schlachten, also brachte er etwas fleisch mit für die feldarbeiter, damit sie ein wenig mitfeiern. ein ganzer pferdekopf wurde im riesigen topf in der feldbarake gekocht. als ich diesen gekochten kopf sah, fiel ich fast in ohnmacht. und als man mir das fleisch anbot, wurde mir schlecht. ich erbrach hinter der barake und die anderen lachten über das elend der schwangerschaft.

Dezember war einfach nur fürchterlich. es gab nichts zu tun, es war kalt, überall schnee bis zum knie oder bis zur hüfte, man saß den ganzen tag drinnen. Mutter nörgelte praktisch unaufhörlich. da sie sich vorzugsweise in der küche aufhielt, verschanzte ich mich mit dem nähkästchen im schlafzimmer, aber da es keine tür zwischen den beiden räumen gab, sondern nur einen stoffvorhang, hörte ich natürlich alles. es gab nur noch einen raum mit einer tür und das war die diele, aber sie war nicht beheizt und sogar das wasser in den vorratsgefäßen bedeckte sich dort mit einer dünnen eiskruste. ich bekam ein wenig rückendeckung vom vater, aber abends ging er "zu sich" - seit jahren schlief er nicht mehr im haus, sondern in dem kleinen selbstgebauten gartenhäuschen in gesellschft seiner hunde - und dann blieb ich mit der mutter ganz allein. an solchen abenden gab es häufig heftigen streit. ich weiß auch heute immer noch nicht, was sie damals gegen mich hatte, es machte auch keinen sinn sich fragen zu stellen. als ich klein war, behandelte sie mich genauso wie meine brüder. in der schule musste ich ein uniform-kleid tragen - und nur das allein zeichnete mich als ein mädchen aus; meine mutter brachte mir weder kochen noch waschen noch sonstige "frauentätigkeiten" bei - das alles lernte ich später während der berufsausbildung von meinen freundinnen und heimmitbewohnerinnen. meine mutter war nicht wenig überrascht, als ich das erste mal anbot, etwas zu kochen oder socken zu stopfen oder vaters mantel auszubessern. und da fing es mit den streitereien an, glaube ich... vllt verlor sie dadurch ihre macht im haus, denn wenn sie keine lust hatte zu kochen, musste sich der vater mit tee und brot begnügen, und dann kam ich und kochte für ihn lieblingsgerichte seiner kindheit, wie zb „scharlotka“ – ein süßer reisbrei mit früchten... wie dem auch sei, all die überlegungen kamen erst viel später zu mir, doch in dem moment ging es mir einfach nur schlecht, körperlich wie seelisch. der letzte tropfen fiel als mein vater mir verbot schwere eimer mit wasser zu tragen. es war meine aufgabe, wasser für den ganzen tag zu holen. ich sagte, ich kann auch nur halbe eimer bringen - muss dann häufiger hin, aber das ist nicht so schwer... da verlor meine mutter komplett die fassung. ich bat dann den vater um etwas geld, packte einen koffer und fuhr zum bahnhof. schaute noch bei der post vorbei, um meinem bruder Georg ein telegramm zu schicken. 



es war der 31 dezember. am spätem nachmittag saß ich im zug. ich war ziemlich überrascht, wie viele andere menschen es gerne auf sich nehmen, die sylvesternacht unterwegs zu verbringen. es war ein schlafwaggon dritter klasse ohne trennwände und ohne richtige bettwäsche, nur mit einer dunklen synthetikdecke und einem kleinen sehr abgenutzten kissen. ich hatte meinen platz oben, es war etwas beschwerlich darauf zu klettern, aber ich wollte mit niemanden tauschen, weil man oben mehr ruhe hat und  von dort aus das geschehen unbeteiligt beobachten kann. gefeiert wurde nicht sehr heftig - schließlich wollte keiner seine zielstation verschlafen. es gab hauptsächlich nur sekt und ich hatte eine gute ausrede nicht mitzutrinken. gegen zwei uhr nachts lagen schon fast alle auf ihren liegen. ich konnte nicht schlafen. mein nachbar von unten hatte eine packung orangensaft auf dem tischchen stehen. ich hätte viel gegeben um davon etwas trinken zu dürfen.
Georg kam zum bahnhof um mich abzuholen. es war zwar bereits spät am nachmittag, dennoch hätte ich gedach, dass sie noch schlafen. - Aber heute ist doch Arturs geburtstag! - sagte er. - Ich weiß, - antwortete ich. - aber leider habe ich keine geschenke dabei. - Er hat doch alles. Es ist ein geschenk, dass ihr euch endlich richtig kennenlernen könnt. 
Artur war Georgs sohn. zuletzt sah ich meinen bruder Georg als ich noch bei eltern wohnte (mit 15 etwa) - er heiratete kürzlich und besuchte uns mit seiner frau Lora und dem wenige monate altem Artur. Meine zwei andere brüder waren von der schönheit der frau fasziniert. sie sah in der tat aus wie eine hollywoodschauspielerin mit ihren großen stark geschminkten augen und dem vollen schwarzen haar. sie kam aus einer ziemlich reichen familie, Georg nicht - das fand die familie der braut nicht so gut, zumindest am anfang, aber es hieß, es wäre eine liebesheirat - und wie konnte es anders sein, wenn Georg sich bereit erklärte allein mit seinem bescheidenem lohn all ihre wünsche zu befriedigen - und davon hatte sie nicht wenige. als einzige tochter war sie es gewohnt verhätschelt zu werden, sie war immer nach neuester mode gekleidet und mochte teuere parfums. während der paar tage, die die junge familie bei uns verbrachte, kümmerte sich Georg selbst um das kind, während Lora so lange schlafen durfte wie sie wollte. er stand sehr früh auf und lief zum markt um für sie  frische erdbeeren zum frühstück zu besorgen. Georg war auch ein sehr gut aussehender junge, und das war der grund, warum die reiche tochter sich mit ihm überhaupt auf etwas einließ. alle mädchen waren verrückt nach ihm, doch sie allein durfte ihn haben...Auf dem foto waren sie ein schönes paar.
der Georg, der mich abholen kam, war ziemlich verändert. es waren immer hin 10 jahre vergangen, doch dass man so schnell altern kann, hätte ich damals nicht gedacht... sein haar ist schütter geworden, stellenweise grau, sein gesicht wirkte müde - vllt lag es an der durchgefeierten nacht, dennoch schien er irgendwie niedergeschlagen und verwahrlost...
sie wohnten immer noch im Loras elternhaus - eine eigene wohnung konnte er sich nicht leisten. sie arbeitete nie. ihr vater war inzwischen gestorben, ihre mutter war in irgendeinem büro beschäftigt und lebte von witwenrente und den früheren ersparnissen - sie nahm mich freundlich auf, sie war keine frau, die sich gerne in fremde angelegenheiten einmischt.  ich sagte, ich wohne derzeit eigentlich bei den eltern, aber wollte mal auch meine brüder besuchen, denn, wenn das kind da ist, werde ich erst recht keine zeit mehr dafür haben. Georg sagte ich ehrlich, dass ich es zu hause nicht mehr aushalte. er meinte, ein paar wochen kannst du hier ohne probleme bleiben, ansonsten, glaub ich, habe ich keine lösung für dich, du siehst ja, ich hocke selbst immer noch bei der schwiegermutter...
einen erschreckenden eindruck machte auf mich Lora. sie brachte vor kurzem noch ein kleines mädchen zur welt, doch das war ganz bestimmt nicht der grund warum ihre ganze schönheit auf einmal spurlos verschwand. sie war dick, ihr schwarzes haar blond gefärbt und ungepflegt, die schminke grob und vulgär, das gesicht verschlafen, geschwollen, unzufrieden... Georg hielt es wohl nicht für nötig mich vorzuwarnen. am ersten tag hatte ich gar keine gelegenheit ihm fragen zu stellen, also ließ ich das ganze erstmal auf mich wirken...
am ersten januar wurde nun Arturs geburtstag gefeiert. er war ein ganz tüchtiger wohl erzogener junge, anscheinend der verdienst seiner großmutter, denn er half ihr gern in der küche und bat immer nur sie um erlaubnis etwas zu tun. wenn seine kleine schwester anfing in ihrem bettchen zu weinen, ging er sie beruhigen. 
kaum war ich da, setzte man mich ans tisch. es waren noch ein paar nachbarn und freunde von Lora und Georg da, einige mit kindern. ich kannte niemanden, man stellte mich nur kurz vor. die leute schielten neugierig auf meinen bauch, trauten sich aber nicht mich nach meiner fehlenden begleitung zu fragen. das war mir relativ egal, meine ganze aufmerksamkeit galt dem reich gedecktem tisch. Loras mutter war eine hervorragende köchin. nachdem ich mich durch alle gerichte bis hin zu Arturs geburtstagstorte durchprobierte, dachte ich, die feier sollte eigentlich schon vorbei sein, aber in wirklichkeit fing sie gerade an.  die kleinen kinder wurden nach hause gebracht und die erwachsenen kehrten zurück. Artur saß auch gar nicht mehr am tisch sondern half seiner großmutter in der küche zu spülen und essensreste in den kühlschrank einzusortieren. ich ging zu ihnen, da ich mich mit den anderen nicht mehr wohl fühlte. am tisch wurde nur noch getrunken, und zwar richtig hartes zeug. die alte frau schaute verständnisvoll und seufzte nur. zum glück war das haus groß genug um sich von der "party" zurückziehen zu können. und die ging noch lange nachdem wir drei zu bett gingen.
 am nächsten tag waren Georg und Lora ziemlich mürrisch drauf, sie stritten nicht wirklich, aber warfen sich gegenseitig beleidigungen und giftige bemerkungen zu, während sie nach alkoholresten suchten. ich dachte, das lag vllt an ihren kopfschmerzen nach der feier, doch später lernte ich, dass es ihr normalzustand war. 
mein aufenthalt dort hatte nichts mit ferien und entspannung zu tun. Lora hielt ständig irgendwelche prädigten, und zwar jedem. ich versuchte mich mit artur und seiner kleinen schwester zu beschäftigen, während Loras mutter auf der arbeit war. ansonsten saß ich oft abends mit Georg in seinem geheimversteck - in der sommerküche - er trank schnaps und beklagte sich über sein leben. einmal bat er mich um ein gefallen: schwester, könntest du mir bitte ein paar hemde bügeln? gewaschen sind sie, aber zum bügeln komme ich nicht... selbstverständlich bügelte ich alle seine hemden und hosen. dann machte er sich frisch, rasierte sich glatt, zog die gebügelten  sachen an und sagte zu Lora: ich gehe mal meiner schwester die stadt zeigen. wir gingen tatsächlich in die stadt. doch sehr bald brachte er mich zu einer telefonzelle und bat eine nummer zu wählen. - wenn ein mann drangeht, frag nach Eva, sag, du bist eine freundin. wenn sie dran ist, gibst du den hörer mir.
ich stellte keine fragen, wählte die nummer. die frau war dran, ich gab den hörer sofort an Georg weiter. er redete sehr freundlich, drängte mich dabei aus der zelle nach draußen. ich wartete, es fing an zu schneien. nach dem telefonat gingen wir ins kino. - du magst doch kino, nicht?- sagte er.- welchen film möchtest du dir ansehen? er kaufte mir eine kinokarte, gab noch etwas geld für den rückweg und verabschiedete sich. - sag Lora, ich hätte einen kumpel getroffen,- meinte er.- sie wird schimpfen, aber das ist in ordnung. 
Lora schimpfte und das nicht wenig, zumal Georg abends gar nicht nach hause kam. wahrscheinlich schlich er sich später herrein, als sie schon schlief. 
Einmal fragte ich sie ob sie mir einen alten mantel leihen konnte. mein mantel spannte immer mehr am bauch und ließ sich mittlerweile nur schwer zuknöpfen. früher hatte sie unmengen von kleidung, und da sich ihre figur geändert hatte, nahm ich an, dass sie so einiges im schrank hatte, was sie nicht mehr trug. - ja, klar, kein problem, - meinte sie,- es gibt sachen, die sind schon etwas aus der mode, weißt du..  die sind im lagerraum neben der sommerküche. ich hab sie immer dahin gebracht, wenn mein schrank wieder mal voll war.. geh hin, vllt kannst du dir was aussuchen...     ich ging hin. der lagerraum war ein kleines nebenzimmer der sommerküche, dort waren autoteile zu finden, verschiedene flaschen, dem ansehen nach mit schmier- oder reinigungsmitteln, kaputte möbelstücke, es war kalt dort drin und es roch nach schimmel. ich fragte mich, ob das der richtige ort war um kleidung aufzubewahren. und ich fragte mich, wo denn diese kleidung war, denn ich suchte nach einem schrank oder kleiderständer.. dann sah ich einen dunklen haufen irgendwo in der ecke. ich näherte mich und wollte immer noch nicht glauben, dass dies tatsächlich die alten sachen sein sollten, von den die rede war... mit zwei fingern hob ich vorsichtig die obere schicht an und ließ sie sofort wieder fallen. der stoff war feucht, glitschig, mit pilzfäden durchzogen und stank fürchterlich. - weißt du, dass deine kleider sich langsam in ein komposthaufen verwandeln?- sagte ich zu Lora. - ach echt?- es schien sie nicht besonders zu kümmern,- na dann haste wohl pech, schätzchen. vllt fragen wir mal meine mutti, ob sie was im schrank hat. 
letztendlich schenkte mir ihre mutter einen mantel. bezüglich kleiderhaufen schüttelte sie nur wieder den kopf: - ach Lora, sie weiß gar nicht, was sie hat... 
gelegentlich machte sich auch Lora schick und führte mich in die stadt aus. sie richtete ihre formlose frisur, wischte alte tuschereste unter den augen weg, zog einen frischen lidstrich, trug dick blutroten lippenstift auf und wir gingen los, manchmal zum einkaufen, manchmal ihre freundinnen besuchen. "die mädels" - genauso kaputte und früh gealterte frauen wie Lora - tranken am liebsten kaffee mit cognac - zwei löffelchen rein und danach noch ein gläschen. Lora beschwerte sich ständig über Georg. sie erzählte immer wieder, wie viele verehrer sie früher hatte: - ich hätte mir einen anständigen reichen mann aussuchen können, aber, das arschloch, hat mich verführt, der teufel, und so mussten wir heiraten!.. mein ganzes leben hat er zerstört!  (ich fragte mich, ob es ihr überhaupt noch bewusst war, dass ich Georgs schwester war)  Lora und ihre freundinnen waren der meinung, ein kind ohne heirat zu gebären und es allein großzuziehen bedeute  das ende für eine frau. - finde dir doch erst einen mann, der dich unterstützt! - gaben sie mir ihre klugen ratschläge. - ich habe einen gefunden, - sagte ich ,- aber er wollte mich nicht haben. es ist wie es ist. - wie kannst du so etwas sagen? - alkohol schien sie zu furien zu machen - du bist noch so jung! du musst abtreiben! - was? schau mich an, es ist zu spät! außerdem will ich das kind behalten! - unsinn! es ist nie zu spät, es gibt auch hier in der stadt gute ärzte. kinder kannst du auch später haben, 10 stück, wenn du willst, aber finde erst einen mann und heirate!
diese gespräche brachten mich in rage, danach konnte ich an nichts anderes mehr denken. als wir an dem abend nach hause kamen, war niemand von den erwachsenen zu hause, das kleine mädchen weinte in einem der zimmer und im bad plätscherte das wasser. Artur wuselte irgendwelche nasse lappen im waschbecken. ich fragte: - was machst du hier. - ich wasche aus, - erklärte er, - meine schwester hat keine wechselsachen mehr, alles vollgepinkelt. 
ich war sprachlos und schaute Lora an, doch ihr schien alles egal zu sein. - jaja, sagte sie, Artur ist ein großer junge, kann sogar schon wäsche waschen. mann, ich hab aber hunger! warte, da muss noch der rest vom gestrigen eintopf im kühlschrank stehen. wenn bloß das arschloch von Georg uns nicht zuvorkam!.. aber es ist noch zu früh für ihn, er macht erst gleich feierabend, also gehört das essen uns! - willst du ihm denn nichts übrig lassen? - fragte ich. - nichts da! das hat er nicht verdient! es ist auch gar nicht genug für uns alle. wer zuerst da ist...    mit diesen worten nahm sie den topf aus dem kühlschrank heraus, dabei wurden ihre augen größer und runder, der topf kam ihr zu leicht vor und sie vermutete wohl schon das schlimmste. sie nahm den deckel  ab, schaute hinein und haute mit einem unmenschlichen geschrei den leeren topf auf den küchentisch. ich erschrack mich so, dass ich sogar einen schmerzhaften stich im bauch spürte und es mit beiden händen festhalten musste. sie fluchte, wie man es  von einem plumpen bauarbeiter oder einem betrunkenen matrosen hören könnte.. dann schaute ich vorsichtig in den topf. darin auf dem sauber mit einem stückchen brot ausgewischten boden lag ein rund ausgeschnittenes blatt papier mit der absolut naturgetreuen zeichnung einer hand mit dem stinkefinger. 
später sagte ich zu Georg: - ich wusste ja, dass du schon immer gut zeichnen konntest, aber dass du dein talent auf so etwas verschwendest.. - wieso? hast du etwa den topf geöffnet? - nein, sie. aber trotzdem.. sie hat so geschrien und geflucht... - ach, mach dir nix draus, sagte er, das geschieht ihr recht.

wenige tage später kam Lora zu mir und befahl: - zieh dich an und komm mit. - wohin?- fragte ich. - ich habe alles für dich geregelt. kommt.  - was hast du geregelt? wohin? - ich verstand noch nichts. dann erklärte sie mir wie einem dummen kind: - ich habe für dich einen arzt gefunden. er macht dein baby weg. komm, das ist deine letzte chance! er ist gut! alles wird gut! 
ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte sie es mich bis ins wartezimmer dieses gynäkologen zu schelppen.   es war definitiv nicht seine offizielle dienstzeit, es gab keine anderen patientinnen dort. der arzt schaute mich nur kurz an, dann ging er mit Lora in ein nebenzimmer um noch irgend etwas zu besprechen, vllt verhandelten sie immer noch über den preis... da wurde ich für einen moment allein gelassen und ich war dermaßen  außer sich vor entsetzen und verzweiflung, dass mir die tränen die wangen hinunter kullerten und ich gar nicht bemerkte dass ich fast schon hysterisch weinte. ich dachte: was mache ich hier? was mache ich bloß hier? dann stand ich auf und ging weg. 
später kehrte ich zurück ins haus, enttäuschte und gereizte Lora erwartete mich schon. sie hielt mir wieder eine predigt, sagte, ich sei eine verlorene, ich werde draufgehen und ewig mit dem ruf einer hure leben müssen. ich weinte nur und bat mich in ruhe zu lassen. als Georg abends kam, sah er mich glaube ich das erste mal im leben weinen. ich erzählte, was da passierte. - verfluchte hexe! - sagte er.- widerliches weib!.. 
dann gab er mir geld für eine zugfahrkarte und brachte mich am nächsten morgen zum bahnhof. 
ich fuhr nun zu meinem bruder Bruno.




Bruno erfuhr von Georg am telefon, dass ich auf dem weg zu ihm war.  ich weiß nicht, wie er auf die meldung reagierte, aber er empfing mich so, als würde ich alle paar monate bei ihm vorbeischauen, dabei sahen wir uns zuletzt vor 4-5 jahren, als ich bei den eltern zu gast war und er nach dem collegeabschluß nach hause kam und dem vater teueren cognac mitbrachte, um ihn zu beeindrucken. er machte damals, auf vielversprechenden großstädter, zeigte unserer mutter viele bunte postkarten und redete viel über politik. 
Vielleicht sagte Georg zu ihm so etwas wie: "Sei nett zu ihr, sie kriegt ja bald ein Kind", denn Bruno kaufte mir direkt am ersten Tag ein Haufen Schokolade und fragte, worauf ich sonst noch Lust hätte. 
Bruno hatte ein kleines Appartement in  einer Art Männerwohnheim, er gab mir sein Bett und schlief selbst auf der Couch im Vorzimmer. Es gab eine Gemeinschaftsküche in der Mitte des Flurs gegenüber dem Aufzug, und zwei Gemeinschaftsbalkone jeweils an den Enden des Flurs zum Trocknen der Wäsche, die allerdings auch im Flur und in der Küche hing, nur Socken und Unterhosen schmückten die Heizungen in den Appartements.
Es fing relativ entspannt an, Bruno arbeitete den ganzen Tag, lag abends vor dem Fernseher, stellte wenig Fragen außer den üblichen „Wie geht’s den Eltern?“ und „Was macht denn der Georg so?“
Am Wochenende ging er zu Pferderennen und gewann ein bisschen Geld, seine Laune war gut und er nahm mich mit in die Stadt und bot sogar an mir ein paar neue Anziehsachen zu kaufen. Mein Bauch wurde immer größer, ich trug fast knielange Schlabberpulis, die alten Hosen passten nicht mehr, dafür bekam ich von Loras Mutter zusammen mit dem alten Mantel bunte handgestrickte Leggings, sie waren warm und gut dehnbar, und eigentlich war ich damit ganz glücklich, aber gegen ein paar neue Winterstiefel hatte ich nichts einzuwenden, also gingen wir statt ins Museum in ein großes Kaufhaus.
Ich kochte für ihn und er schien sich darüber zu freuen und äußerte sogar Wünsche wie „weißt du noch, wie unsere Mutter immer den Kaninchenbraten machte...“ Ich beobachtete ihn sehr genau, er war ein ziemlich unberechenbarer Mensch und unser Koexistenzraum war sogar noch enger als im Elternhaus, also könnte  ein Streit hier viel schneller eskalieren.. Als zweitältester Sohn der Familie und damit auch die Nummer Zwei nach Georg bekam er nur das zweitbeste, besaß aber mehr Macht als die jüngeren Kinder und genoss es ganz besonders diese bestrafen zu dürfen, während der Vater die Legislative darstellte, war er die Exekutive, und er wäre sicherlich auch ein guter Soldat geworden, oder ein Aufseher, aber in die Armee wurde er nie zugelassen. Wegen häufigen Schlägereien und Wutausbrüchen im College wurde er mal für kurze Zeit in die Psychiatrie eingewiesen.  Danach wurde er ruhiger bzw lernte seine Wut zu unterdrücken, doch für wie lange, wussten wohl allein seine Kumpels.. Ich hoffte möglichst viel Zeit bei ihm totschlagen zu können und versuchte ihn deshalb nicht zu ärgern. Ich bemerkte, dass er sich praktisch nie mit seinen Nachbarn unterhielt, obwohl es ganz nette Jungs waren, humorvoll und vollkommen harmlos, meistens aus der Provinz, sie versuchten am Rande der Großstadt etwas Geld auf den Baustellen und in den Lagerhallen zu verdienen und konnten sich  an den Kleinigkeiten des Lebens  erfreuen. Ich plauderte gern mit ihnen, sah aber zu mit dem kochen fertig zu werden bevor mein Bruder von der Arbeit nach Hause kam. Einige von ihnen luden mich ins Kino ein, ich lehnte höflich ab und keiner zwang sich auf. Keiner fragte mich nach Bruno, anscheinend kannten sie schon seine abweisende und recht unangenehme Art. Wenn er da war, saß ich auch im Zimmer und schaute fern oder las seine Zeitung. Doch einmal kam er früher nach Hause. Das heißt ich war mit dem Kochen noch nicht fertig sondern gerade mitten drin. Ich machte Bratkartoffeln mit Speck und Ei, das Öl knackte und knisterte appetitlich in der Pfanne, ich stand vor dem Herd mit dem Holzspatel zum wenden und die Nachbarjungs standen im Halbkreis um mich, einige  saßen auf den Stühlen und Tischkanten, einige rauchten ins offene Fenster, alle waren gut drauf, erzählten Witze, lachten, ich natürlich auch,  da erschien seine krumme Figur in der Tür und alle wurden auf einmal still unter seinem finsteren Blick. Eine Sekunde lang schauten wir uns einfach nur an, dann fragte er: „Was machst du bloß hier?“ - „Ich koche für dich“ - sagte ich und er explodierte. „Du Hure!“ - schrie er mich an und fegte die heiße Pfanne von der Herdplatte und goldener ölig glänzender Kartoffel rieselte auf den schmutzigen Kachelboden. Jemand wollte sich einmischen, doch ich rannte sofort ins Zimmer um den anderen und auch mir dieses peinliche Spektakel zu ersparen. Was sich hinter der Tür abspielte, konnten sie natürlich immer noch hören, aber wenigstens sah ich nicht mehr ihre fassungslose Gesichter und es gab keine Prügelei – mich schlug er nicht mehr weil ich erwachsen und schwanger war. Nach dem Streit war er nur noch trüb wie eine Gewitterwolke und es hieß für mich: zusammenpacken.



Ich fuhr wieder zu den Eltern, doch diesmal stellte ich meine Mutter zur Rede. Ich sagte, dass sie kein Recht hatte mich schlecht zu behandeln, dass ich mein Kind an einem sicheren Ort zur Welt bringen  will, dass ich nicht vorhabe, auf ihre Kosten zu leben und im Frühling wieder auf die Felder gehe, dass ich kochen und waschen werde und alles tun, was an Hausarbeit anfällt, weil ich ganz einfach in diesem Haus wohne und wir eine Familie sind und und und... Ich weiß nicht, ob meine Argumente sie tatsächlich überzeugten oder lediglich meine Hartnäckigkeit, aber von da an wurde sie stiller, nörgelte noch gelegentlich, aber heftigere Streitereien blieben aus. Vielleicht sprach auch der Vater sein Machtwort in meiner Abwesenheit aus und befahl mich in Ruhe zu lassen – er mochte es nicht, sich in „Frauenangelegenheiten“ einzumischen, hatte aber wohl doch Mitleid mit mir. Letztendlich schien mir das alles unwichtig, ich war nur froh, dass wir uns nicht mehr bekriegten.
Im März war es dann soweit. Man brachte mich ins Krankenhaus. In der Gynäkologie und insbesondere in der Abteilung Geburtshilfe herrschten raue Sitten. Die Frauen waren nicht  krank also sollten sie sich nicht so anstellen. Die Geschichten meiner Zimmergenossinnen jagten mir Angst ein. Einmal sah ich zu, wie eine von ihnen ihr Kind direkt auf ihrem Bett gebar, ganz allein, nur mit Unterstützung einer anderen werdenden Mutter, weil die Hebammen im Geburtssaal bereits beschäftigt waren und nicht zu ihr kommen konnten. Vor Schmerzen entwickelte die Frau Bärenkräfte, sie bog die Gitterstäbe am Kopfteil ihres Bettes auseinander und da sie sich beim Pressen kopfwärts bewegte, schob sie ihren Kopf zwischen diese Gitterstäbe. Da die Geburt in dem Moment noch nicht zu Ende war, hielt sie weiter an den Stäben fest und anscheinend bog sie sie dabei wieder gerade, sodass sie mit ihrem Kopf nicht mehr heraus konnte. Nach der Entbindung verließen sie die Kräfte und sie lag so noch einige Stunden gefangen, bis der Hausmeister kam und das Kopfteil des Bettes auseinander schraubte. Die Krankenschwester war sehr wegen der Umstände verärgert.
Bei mir dauerte alles unheimlich lange, ich lag schon seit über einer Woche auf der Station, aber die Wehen kamen nicht. Sie wollten mich schon zurück nach Hause schicken: „Du hast wohl den Termin falsch ausgerechnet.“ Ich spürte in der Tat gar nichts. Dann spazierte ich einmal abends über den Flur, plötzlich wurde mir schwindelig, ich lehnte mich an die Wand und sah wie sich eine blutige Lache unter mir ausbreitete. Die Putzfrau, die ein paar Meter weiter den Boden wischte, fluchte und spuckte Galle – sie musste ja nun alles nochmal sauber machen. Sie jagte mich zurück ins Zimmer und ich lag die ganze Nacht still im Bett. Morgens sagte meine Nachbarin: „Du bist so blass.“ ich sagte: „Ich hab Schmerzen“. Ich erzählte, was gestern geschah und sie wurde hektisch:“ Meine Güte, deine Fruchtblase ist geplatzt, du musst sofort loslegen! Pressen! Sonst stirbt dein Kind!..“ Ich wusste nicht so genau, was das ganze bedeutete, ich erschrak mich einfach nur, sie wurde aber schon zum vierten oder fünften Mal Mutter und wusste wohl bescheid. Sie alarmierte die Hebammen, sie brachten mich in den Saal, ich gab mir auch Mühe, aber es passierte nichts. Nun waren es aber sieben Uhr, die Zeit für den Schichtwechsel, alle gingen Tee trinken und plaudern und ließen mich allein – es war ja eh nichts los. Und genau dann fing es an. Als sie meine Schreie  nicht mehr ignorieren konnten, kamen sie und begannen mich noch lauter anzuschreien. Anscheinend machte ich alles falsch, aber ich verstand kaum, was sie von mir wollten, also machte ich einfach weiter. Ich dachte, ich werde es nicht überleben, und ich war auch bereit zu sterben, damit das alles endlich aufhörte, Schmerzen, Geschrei und die  unbeschreiblich entsetzliche Scham... Ich gebar ein Mädchen.
Als ich wieder im Stande war, die Dinge um mich herum wahrzunehmen, sah ich sie neben mir liegen, fest ins Laken eingewickelt, sie hatte rotes Gesicht, platte Nase, zusammengekniffene Augen und zusammengepresste Lippen und sah insgesamt sehr unglücklich  aus. Ich dachte: „Verdammte scheiße, sie sieht ja genauso aus wie ich.. Bitte nicht!..“ Ich wurde traurig und sah das Wickel wahrscheinlich zu lange an ohne etwas zu unternehmen, es fiel meiner Nachbarin auf. „Na los, worauf wartest du? Du musst sie nehmen, versuch sie zu füttern!“ Ich gehorchte ihr einfach. Befreite eine Brust aus dem Hemd und schob das Kind näher heran. Es fing an zu saugen und mir wurde übel. Dann schrie sie. Ich hatte keine Milch.
Die Schwestern versuchten, dem Mädchen Zuckerwasser in den Mund zu tropfen, sie schrie immer lauter und verzweifelter. Sie fragten, ob eine andere das Kind füttern könnte. Eine große dicke Frau mit riesigen Brüsten meldete sich. Sie sagte:“Ich hab zwar einen Sohn zu füttern, aber es ist genug da auch  für zwei.“ Sie grinste breit  als ich ihr meine Tochter übergab. Ich zuckte zusammen. Ich kam mir wie eine totale Versagerin vor. Nichts konnte ich, nicht mal Mich produzieren... Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich würde meine Tochter endgültig verlieren, wenn sie von der fremden Brust trank.. Die Frau gab ihr ihre große dunkle Brustwarze, doch das Mädchen spuckte sie sofort aus. Die Frau versuchte es immer und immer wieder, doch das Mädchen wollte nicht trinken. Die Frau gab sie mir zurück vollkommen enttäuscht und verwirrt. „Die ist wohl bekloppt! Die wird doch verhungern!“ - sagte sie. Ich war verängstigt, doch gleichzeitig auch erleichtert: meine Tochter hungerte freiwillig und wartete auf  m e i n e  Milch! Am nächsten Tag konnte ich sie selbst füttern.
Dann wurde auch mein Bauch zum ersten Mal nach der Entbindung untersucht. Wie man mir erklärte, sollte dabei die Uterusrückbildung kontrolliert werden. Die Frauen legten sich auf ihre Betten und eine Schwester tastete ihre Bäuche ab. Als ich an der Reihe war, schaute sich mich verblüfft an. „Hast du etwa entbunden? Liegst du hier überhaupt richtig?“ sie betätschelte mich und rümpfte ihre Nase und wieder fühlte ich mich so als hätte ich etwas böses und verbotenes getan ohne zu wissen, was. Dann fand sie meine Akte und beruhigte sich etwas, beäugte mich dennoch ungläubig. Als sie weg war, tröstete mich meine Nachbarin: „Du hast einfach nur ein sehr gutes Gewebe. Ein Tag und schon keine Spur mehr vom Bauch. Du hast Glück!“
Etwa eineinhalb Wochen lag ich noch dort. In dieser Zeit veränderte sich meine Tochter  vollkommen. Ihre Haut wurde weiß und glatt, auf dem Kopf wuchsen blonde Haare, die Augen wurden riesig – sie waren blau, wie bei allen Babys,  faszinierten mich aber dennoch – die Lippen bekamen eine schöne Form wie bei einem Püppchen und die Nase war nicht mehr so platt und verwandelte sich sogar in ein durchaus niedliches Stupsnäschen. Nun sah sie mir nicht mehr ähnlich, ich war erleichtert und versuchte andere bekannte Züge in ihrem Gesicht zu finden. Vielleicht werden die Eltern jemanden aus der Familie in ihr erkennen, dachte ich.
Zu Hause empfing man mich ruhig, ohne die unnötige Begeisterung, und das war mir recht, denn ich wollte einfach nur wieder zurück in die Normalität. Ich kümmerte mich nun viel um das Kind und kam meiner Mutter seltener in die Quere. Ich hatte noch häufiger mit „Frauenkram“ zu kämpfen, sie legte jedoch keinen Wert darauf mir etwas beizubringen oder zu erklären. Ab und zu traute ich mich sie zu Fragen: „Wie war das denn bei dir damals?..“ - und sie gab mir knappe Antworten. Das war schon zu viel Intimität, so viel Vertrautheit und Nähe gabs zwischen uns noch nie.  Ich weiß noch, als ich mit 12 oder 13 zum ersten Mal Regeln bekam, kam ich vor Angst zitternd zu ihr. Sie gab mir einen Baumwolllappen aus der Kommode und sagte, ich soll ihn falten und ins Höschen reinlegen. Lange Zeit glaubte ich, ich sei krank. Dann wurde eine Mitschülerin aus der Parallelklasse schwanger und es gab einen Riesenskandal. Alle Mädchen der Schule ab 12 wurden in einem Raum versammelt und aufgeklärt, erst dann erfuhr ich, dass mit mir alles in Ordnung war.
Im Sommer ging ich wieder auf die Felder um Erdbeeren, Gurken und junge Zucchinis zu ernten, wir wurden nach der Anzahl der Körbe bezahlt also beeilte ich mich mehr als die anderen um ein paar Mal zwischendurch nach Hause zu laufen und das Kind zu füttern, dementsprechend war ich vollkommen kaputt und entkräftet abends. Dennoch musste ich mich oft zusammenreißen um vollgepinkelte Lacken zu waschen und über die Nacht zum trocknen aufzuhängen. Das Kind schien zu verstehen, wie schwer mir das alles fiel, und ich glaubte beinahe, es tat alles, um  mir möglichst wenig Ärger zu bereiten. So lernte sie recht früh sich zu „melden“.  Als ich zum ersten Mal bemerkte, was für Grimassen sie zog, wenn sie "musste", knäulte ich eine Ecke vom Lacken zusammen und schob ihr zwischen die Beine, damit es den Urin aufsaugte und das Bett trocken blieb. Seitdem wiederholte sie es: sie zog selbst am Laken und schob es sich zwischen die Beine – es wurde zu einem Zeichen – und man konnte so viel Wäsche retten und auch bald das Mädchen über dem Topf halten. Überhaupt war die Kleine einfach wunderbar. Von den  Kindern anderer Mütter wusste ich dass sie viel schrien, sie aber weinte sehr selten, nur wenn es wirklich nötig war. Meine Mutter beschäftigte sich dennoch nicht besonders gern mit ihr, nur wenns sich nicht vermeiden ließ. Mein Vater dagegen war wie verzaubert. Er nahm sie oft zu sich auf den Schaukelstuhl, spielte mit ihr im Garten, redete mit ihr. Es machte meine Mutter unzufrieden und eifersüchtig: „Zu deinen eigenen Kindern warst du aber nicht so“ - „Sei still“- sagte er dann ganz einfach. Vielleicht entdeckte er damals, was er in seiner Jugend verpasste, man weiß es nicht. Er gab keine Erklärungen, aber tatsächlich schien eine besondere Verbindung zwischen ihm und dem Mädchen zu bestehen. Er war schon immer sehr ausgeglichen und zurückhaltend. Manche nannten es Kaltherzigkeit, doch ich, die ihn ständig mit seinen Hunden und Bienen im Garten sah, wusste, dass er alles andere als kaltherzig war. Ich sah nie, wie er unsere Mutter umarmte oder küsste, geschweige denn einen von uns. Aber er strahlte eine buddhistische Ruhe aus, in seiner Nähe fühlte man sich wohl und sicher.  Doch nun wirkte seine Ruhe fast schon hypnotisch. Wenn er ganz leise mit dem kleinen Mädchen redete, hörte sie ihm zu. Einmal machte sie sich daran seine Zeitung zu malträtieren, er nahm ihr die Blätter vorsichtig aus den Händen und sagte freundlich aber eindringlich: „Nein.“ Sie machte nichts kaputt und zerriss kein Papier, Bücher konnte man ihr ohne Sorge anvertrauen. Einmal – das war schon viel später, als sie laufen lernte – sah ich die beiden im Garten. Vater zeigte ihr eine Blume etwa fünf Meter weit von ihnen entfernt und sie lief darauf los, kämpfte sich durch das hohe Gras hin zu dieser Blume; als sie diese erreichte und mit beiden Händen nach dem Stängel griff, war ich mir sicher, dass sie sie abreißt, doch sie schaute sie nur an, roch daran, ließ dann die Blume los und ging zurück. Die Geschichte dazu,  wie sie  zu laufen anfing, war auch bemerkenswert. Sie krabbelte nie auf dem Bauch oder den Vieren wie andere Kleinkinder es tun, sie saß sehr lange aufrecht und beschäftigte sich mit ihrem Spielzeug. Und so war es auch an dem Tag, ich kochte etwas in der Küche und schaute nach ihr immer wieder ins Schlafzimmer herein. Einen Moment lang war ich abgelenkt und als ich mich wieder zum Schlafzimmer drehte, sah ich sie plötzlich in der Tür stehen – sie hielt sich am Rahmen fest und schaute mich von unten mit ihren großen Augen an. (Zu der Tatsache, dass sie nie krabbelte, sagte mein Vater damals: sie ist eben ein schlaues mädchen, sie macht es uns nach. Wir kriechen und krabbeln nicht, wir sitzen und gehen, also tut sie es auch so.)



Die Arbeit auf dem Feld brachte keinen großen Verdienst, das Mädchen war aber mit eineinhalb Jahren immer noch zu klein für den Kindergarten.  Und so kam es, dass ich zu meinen alten bekannten und freunden wieder den kontakt aufnahm und sie mir einen job  besorgten. Dafür musste ich natürlich  zu ihnen in die stadt fahren, wohnen durfte ich auch bei ihnen, arbeitete von morgens bis abends, was wirklich nicht einfach war, tröstete mich aber damit, dass ich dabei gut verdiente und dass wir von diesem geld den ganzen winter lang ganz gut leben würden.. ich vermisste mein kind, das bei den eltern blieb, und machte mir ein wenig sorgen - das mädchen kränkelte immer wieder, hatte oft bauchschmerzen, aß nicht so gut, aber ich hoffte, die eltern würden schon damit klarkommen oder im schlimmsten fall würden sie mich benachrichtigen.. nach 6 wochen kam das telegramm. ich soll zurückkommen, dem mädchen gehe es nicht gut, hieß es. ich hätte gerne angerufen um zu fragen, was das nun worklich hieß: "nicht gut", aber die eltern besaßen kein telefon. ich zögerte noch ein wenig, bevor ich wegfuhr, arbeitete noch ein paar schichten ab, die nicht so schnell von den anderen übernommen werden konnten, danach machte ich mich doch reisefertig.. zu hause erwartete mich eine entsetzliche überraschung. das kleine mädchen aß nun seit wochen nichts mehr, sie war abgemagert bis an die knochen und ihre großen augen waren einfach nur leer und ausdruckslos. sie schien gar nicht erfreut zu sein als ich wieder erschien. sie saß "bei opa", still und wartend, oder auch nicht, denn ich wusste nicht, worauf sie sonst noch wartete, wenn ich doch wieder da war... ich brachte sie ins nächste krankenhaus, aber dort gab es keine richtige pädiatrie, also kontaktierte ich wieder eine freundin, bei der ich erst vor kurzem wohnte, und sie bestätigte, dass das dortige krankenhaus eine kinderabteilung hatte, also brachte ich das kind schnell dorthin. ich habe versucht herauszufinden, was meine eltern falsch gemacht haben oder was sonst noch passierte, aber es war nichts. sie sagten, sie hat einfach aufgehört zu essen. trank gelegentlich noch tee, aber sonst nichts, kein brei, keine suppe... im krankenhaus bekam sie infusionen, der anblick der schläuche und metallgestelle brachte sie zum weinen und nicht einmal ich konnte sie beruhigen. sie bekam vitamine und lösungen, fast täglich wurde blut abgenommen, sie wurde durch und durch untersucht, aber man fand nichts. ich verbrachte tage und nächte mit im krankenhaus, das verdiente geld ging allmählich zuneige, aber freunde erklärten sich bereit mir welches zu leihen. nach ca 1,5 wochen wurde es fast schon zur routine, die täglichen arztvisiten, infusionen, spaziergänge... ich lernte andere mütter mit ihren kranken kindern kennen und bald kannten auch uns alle, mich und meine kleine tochter, die nichts isst. einmal saßen wir in einer kleinen runde in der kantine, die nierenranken erhielten gerade ihre mahlzeit: flüssiger reisbrei ohne salz. ohne große hoffnung nahm ich auch eine portion, bat um salz, da wir ja nicht nierenkrank waren, und bekam einen kleinen becher grobgemahlenen, die großen salzkörner lösten sich nicht im lauwarmen brei,  man spürte und schmeckte sie auf der zunge neben den ungesalzenen reiskörnern... ich aß ein paar löffel und bot einen nächsten löffel dem kind an. zu meiner verwunderung machte sie den mund auf, nachdem sie kurz den brei inspizierte... nach ein paar happen nahm sie den löffel selbst in die hand und aß noch ein bisschen von dem brei aus dem teller. ich konnte meinen augen nicht glauben. 




danach blieben wir noch eine woche im krankenhaus. das mädchen aß nur reis. grießbrei mochte sie nicht, überhaupt nichts, wo milch drin war, aber auch kein gebäck, kein brot.. eine freundin brachte mir bei, maisbrei bzw polenta zu kochen und auch maisbratlinge und pfannkuchen, das brachte ein wenig abwechslung ins menü und das akzeptierte die kleine auch, sonst hatte sie nichts gegen kartoffel und anderes gemüse oder obst.. milch konnte ich ihr unter keinen umständen unterjubeln, einmal fütterte ich sie mit nudeln, sie aß nicht viel davon, aber ihr wurde danach übel, sie bekam durchfall.. darauf konnte dann der arzt endlich eine diagnose stellen. dem mädchen wurde eine diät verschrieben und wir durften dann gehen. ich fragte mich, ob sie vlt deswegen bei den eltern krank wurde, weil sie ihr sonst nichts anderes kochten als grieß mit milch.. ich konnte ihnen keine vorwürfe machen, da sie es auch nicht besser wussten und genauso ratlos waren wie ich. zudem bekam sie ja praktisch dasgleiche zu essen als ich noch da war, es bekam ihr zwar auch nicht gut, aber es war nicht so schlimm wie nach meinem verschwinden.. sicherlich war meine abwesenheit das entscheidende. vlt dachte sie, ich sei für immer weg. man konnte ihr schlecht erklären, dass ich bald wieder komme. und was heißt schon für ein kleines kind "bald" das seine mutter so fürchterlich vermisst ... ich habe beschlossen sie nie wieder allein zu lassen. wir wohnten noch eine weile bei einer freundin während ich überlegte, was ich nun weiter machen soll. es war herbst, die bäume schon ganz kahl, es regnete häufig, aber an dem einen tag war das wetter ausnahmsweise gut, also ging ich mit dem kind in den park spazieren. dort traf ich eine alte bekannte, sie ging ebenfalls spazieren, mit einem kinderwagen, sie war verheiratet und dies war ihr drittes.. wir plauderten über alte zeiten und von unseren gemeinsamen bekannten, was aus wem geworden war... und da berichtete sie, dass er eigentlich auch hier ganz in der nähe wohnte, verheiratet, mit einer kleinen tochter die genauso aussah wie ..mein kind. ob ich lust hätte ihn wiederzusehen? um gottes willen! dass er das kind evtl auch mal kennenlernen will?. wozu? er hat doch nun auch eins. und eine eigene familie.. komm bloß nicht auf die idee weiterzuerzählen! warnte ich sie. das ist vollkommen unnötig. dann wird auch noch seine frau eifersüchtig. nein, das kümmert mich am wenigsten, aber trotzdem, wozu?.. ich will ihn nicht sehen. er hat mich allein gelassen, all die zeit schien ihm egal zu sein, was mit mir passiert und wie es dem kind geht.. hatte anscheinend selber genug zu tun, wenn seine tochter in etwa genauso alt ist.. soll er sich weiter um die kümmern und uns in ruhe lassen. ich will auch nichts von ihm. 
kurze zeit später packte ich die sachen und fuhr zu meiner schwester. 





ich hatte nicht vor dort lange zu bleiben, ihr leben war auch alles andere als sorgenfrei. ihr mann trank wie eh und je, vor kurzem brachte sie einen dritten jungen zur welt, und war rund um die uhr mit abwasch und kochen beschäftigt. die alte mutter des ehemannes half so gut wie sie konnte mit im haushalt, nörgelte gelegentlich, war aber eine erträgliche genossin. das haus war ziemlich groß, aber nicht reich eingerichtet und nicht besonders gut gepflegt, im garten machte man auch nur das allernötigste.. es fiel mir nicht schwer, arbeit dort in der gegend zu finden und auch das kind brachte ich in einem kindergarten unter, viel schwieriger war es eine wohnung oder ein zimmer zu mieten, und so blieb ich bei der schwester noch fast einen monat lang. ich bot ihr an so was wie miete zu zahlen, da ich ja nun geld verdiente, aber sie wollte nichts davon hören. allerdings gefiel ihr mein ring sehr gut - ich trug einen vergoldeten ehering, den ich mir selbst gekauft habe, damit fremde leute sich und mir keine unnötigen fragen stellten, und diesen ring wollte sie nun haben. ihr alkoholsüchtiger ehemann hat es nicht einmal geschafft ihr einen ring zu kaufen, nicht mal in den guten zeiten. und so bezahlte ich mit dem ring meinen schlafplatz im wohnzimmer auf der couch. 
die mädels von der arbeit gaben sich größte mühe eine bleibe für mich zu finden, letztendlich verkuppelten sie mich mit einem alleinstehenden kerl, bei dem ich dann wohnen durfte. ich wehrte mich anfangs dagegen, ich empfand null sympathie für ihn, es war eine reine zwecksgemeinschaft. ich versprach mir, dass ich so schnell wie möglich dort wieder ausziehe, sobald sich etwas neues findet. die anderen redeten auf mich zu, von wegen, sei doch froh, du brauchst einen mann, er wird für dich und dein kind sorgen.. ich ließ sie reden, auch wenn ich wusste, dass es vollkommener unsinn war, ich brauchte niemanden, ich arbeitete, kind war im kindergarten, ich brauchte nur eine wohnung oder ein zimmer, sonst nichts. der mann verhielt sich anfangs wie ein mitbewohner, er profitierte von meiner anwesenheit, es war stets aufgeräumt in der wohnung, die sachen wurden gewaschen, es gab jeden tag warmes essen.. aber mit der zeit bestand er immer häufiger darauf, dass wir uns so benehmen sollten, als ob wir eine beziehung hätten. wozu? sagte ich, wir sind doch gar nicht in einer beziehung. das ärgerte ihn. vor allem dass ich nicht mit ihm schlafen wollte. sich darüber zu streiten war zwecklos. also legte er sich eines nachts zu mir, hielt mir den mund mit der hand zu und tat es einfach. eine weile ertrug ich es schweigend, machte kein theater daraus. ich hatte endlich glück, ich konnte ein kleines zimmer in einem großen wohnblock mieten. als der kerl nicht zu hause war packte ich meine sachen und zog aus. ein paar wochen lang hatte ich ruhe, aber dann fand er heraus, wo ich nun wohnte - immer hin kannte er meine kollegen, dieselben, die uns verkuppelten, obwohl ich mit den immer weniger zu tun hatte aus bekannten gründen, aber es sprach sich doch wohl herum.. er kam meist spät abends oder nachts, oft betrunken, klopfte an die tür, rief, brüllte, drohte die tür einzuschlagen.. alle nachbarn waren wach und wussten bescheid. einige versuchten ihn zu beruhigen, andere schimpften.. ich schämte mich fürchterlich, doch zum glück gaben nur die wenigsten mir die schuld, die meisten waren doch auf meiner seite und gewillt mich zu beschützen. - lass die arme frau in ruhe, du dreckiges besoffenes schwein! - riefen sie aus ihren zimmern. irgendein nachbars-ehemann hats mal nicht ausgehalten, kam raus, um mit dem kerl zu "reden", stopfte ihn letztendlich in den aufzug und schickte hinunter. so einfach ging die geschichte aber nicht zu ende, es musste doch noch die polizei eingeschaltet werden weil er androhte mir das kind wegzunehmen. ich machte bekanntschaft mit allen mitarbeitern des kindergartens und bat jeden persönlich, keinem anderen meine tochter abzugeben als mir. doch irgendwie schaffte er es eine unerfahrene erzieherin rumzukriegen - manchmal konnte er wirklich überzeugend rüberkommen - und nahm meine tochter mit. er kam mir nur knapp zuvor, ich rannte zu ihm nach hause, und da saß er mit irgend einem kumpel am tisch, sie machten es sich langsam "gemütlich" und das mädchen spielte beschäftigte sich mit rumliegendem technikkram in einer ecke.. ich packte sie und stürzte hinaus ohne ein wort, er rief mir etwas hinterher, doch ich wollte nichts wie weg.
  eines nachts kam er mal wieder betrunken und tief verzweifelt. ich war  besonders müde und erschöpft, hatte keine lust auf geschrei und kam zu ihm raus. er schloß uns im badezimmer ein. er sagte, er lässt mich nicht hinaus bis ich sage, dass ich wieder mit ihm zusammen sein will. sonst.. sonst würde er mir die pulsadern  aufschneiden, und dann sich selbst, und dann würden wir zusammen im badezimmer verbluten und sterben.. er zog irgendwo her ein messer her und hielt es vor mein gesicht. zu seiner verwunderung erschreckte mich das gar nicht. ich zog meine ärmel hoch und hielt ihm meine arme hin, ich sagte so was wie: na gut, dann mach.. schau, ich habe sehr gute venen, die ärzte loben mich immer dafür, wenn sie mir blut abnehmen.. du wirst sie nicht verfehlen.. na los! ich werd auch wahrscheinlich schnell verbluten, so dick sie sind.. und ich bin ja auch nicht groß, habe nicht so viel blut drin... du wirst wahrscheinlich länger bei bewusstsein bleiben und zusehen wie ich sterbe.. na, worauf wartest du? aber dir musst du auch auf jeden fall die adern aufschneiden, sonst ist es unfair.. er schaute mich völlig entgeistert an, dann warf er das messer hin, schloß die tür auf und lief weg. 
danach kam er nie wieder.
die kolleginen, unsere gemeinsame bekannten, erfuhren wohl nichts darüber, was wirklich geschah, sie wussten nur, dass er mich aufgegeben hatte und bedauerten es sehr: du bist noch jung und dumm, sagten sie. so bleibst du ewig allein. 
ich war froh drum. 



ein paar jahre vergingen, meine tochter war 5, ich weiterhin allein, was mich überhaupt nicht störte, ich arbeitete, wohnte in demselben kleinen zimmer im 12stockigen wohnblock, was besseres konnte ich mir nicht leisten, aber auch das genügte. ich hatte nun auch einige gute freunde, die mich unterstützten, zb eine etwas jungere aber ebenfalls alleinerziehende frau mit ihrem kleinen sohn, eine unternehmenslustige lebenskünstlerin, die aus jeder krise einen ausweg fand. aber auch einige verheiratete frauen, die überhaupt nicht eifersüchtig waren und keine dummen ratschläge gaben - sie waren einfach nur klug und liebevoll.. es war eine schöne zeit, man lebte nicht reich, aber einigermaßen stabil, in einem angenehmen rhythmus.. ich arbeitete nun im kindergarten um meiner tochter noch näher zu sein, nicht zuletzt um sie mit dem richtigen essen zu versorgen. ich achtete auf die verschriebene diät und kochte für sie separat, wenn auf dem speiseplan im kindergarten dinge standen, die sie nicht essen konnte.. einige mitarbeiter meinten, ich mache mir zu viele umstände und das würde dem kind nicht gut tun, wenn es etwas anderes zu essen bekommt, als alle anderen kinder am tisch.. aber ich glaube, die erwachsenen machten sich dabei mehr unnötige gedanken als die kinder selbst, die nahmen es einfach so hin, fragten meine tochter anfangs, was das sein soll auf dem teller und warum sie nicht dasselbe isst wie sie, aber dann gewöhnten sie sich daran und machten es sogar zu einer ordnung, passten auf: hey, nicht anfassen, das ist nicht unser essen, das ist nur für sie. andere kollegen unterstützten mich, meinten, ich würde richtig handeln, sorgten dafür, dass das mädchen meine päckchen bekam, wenn ich sie nicht persönlich vorbeibringen konnte.man hat sich arrangiert. ich hatte das gefühl, einen guten mittelweg gefunden zu haben und dass alles nur noch besser werden konnte.. 




eines nachmittags auf der arbeit, im kindergarten kam eine kollegin zu mir und sagte, da wäre ein kerl draussen, der nach mir fragte, ob ich nicht rausgehen konnte .. ich war etwas verwundert, ich hatte keine verehrer, wer mich kannte, kam auf mich einfach zu, ohne sich umstände zu machen.. ich ging hinaus in den hinterhof. bei der anfahrt, wo auch lieferungen ankamen stand ein weißes auto, wer am steuer saß, sah ich erst als ich näher kam..  die neugierigen kollegen schauten aus den fenstern, das wusste ich, ohne dass ich mich umdrehen und vergewissern musste. ich setzte mich auf den beifahrersitz und schloß die tür. wir unterhielten uns ein wenig. wie es mir so geht, wollte er wissen. ganz gut. ob ich geld brauche. naja.. mach mal die kiste auf. ich öffnete das handschuhfach, dort lagen geldscheine bunt von groß bis klein, in fürchterlicher unordnung zusammen mit strassenkarten, bonbons, kaugummis, zigaretten, streichhölzern, feuerzeugen und anderem kleinkram. ich wollte eigtl nichts von ihm, es fiel mir aber ein, dass ich einer bekannten einen 20er schuldete und sie erinnerte mich immer häufiger daran, bis zum monatsende waren es aber noch 10 tage.. ich nahm einen 20er schein heraus und schloß das fach. ist das alles? mehr brauchst du nicht? nein, danke, muss grad was zurückgeben, ansonsten reicht mir mein lohn. na gut, wie du willst.
die tochter wollte er sehen.
wieso? die letzten fünf jahre wolltest du nichts von ihr wissen, und jetzt plötzlich.. 
ich bin ihr vater, ich habe das recht, meine tochter kennenzulernen. 
bist du sicher, dass du ihr vater bist? vielleicht bist du es gar nicht...
ihm war nicht nach spaß. er sagte, wenn ich mich weigere, geht er jetzt sofort in den kindergarten, in jede einzelne gruppe, egal was sie grad machen, und fragt nach meiner tochter. so wie ich ihn kannte war er tatsächlich dazu in der lage. ich wollte mir diesen peinlichen ruhm ersparen. ich sagte, ok, komm heute abend, wenn wir zu hause sind. gab ihm die adresse. danach verabschiedete ich mich und ging wieder arbeiten.

abends kam er tatsächlich, mit blumen, einer torte und noch einem eingepackten geschenk - sie hat ja bald geburtstag, nicht wahr? (oh, das weißt du?.. na so was..) 
das mädchen saß am esstisch mit heft und buntstiften und kritzelte etwas. sie hob nur kurz ihren kopf auf, sagte leise guten tag und widmete sich wider der zeichnung. er wirkte etwas enttäuscht, vlt erwartete er einen fröhlicheren empfang. - was hast du ihr von mir erzählt? - fragte er. - nichts. - du hast ihr bestimmt nur das schlechteste von mir erzählt! - stimmt gar nicht! ich habe gar nichts von dir erzählt. - hast du nicht mal gesagt, dass ich ihr vater bin? - aber nein,  noch nicht. 
er schaute verdutzt. ich wandte mich an das mädchen: - das ist dein vater. 
sie schaute uns nochmal kurz an, nickte. und zeichnete weiter. ich zuckte mit den schultern. -tut mir leid, du bist nur ein fremder onkel für sie. sei nicht böse, sie kennt dich ja nicht. er säufzte. - na gut, dann lernen wir uns kennen. 
er bestand darauf, dass wir sofort die torte essen und tee trinken. ich versuchte ihm zu erklären, dass wir bereits gegessen haben und dass das mädchen außerdem die torte gar nicht essen kann wegen der diät.. aber er wurde fast wütend, meinte ich würde mich mit absicht als eine mägere aufspielen und das kind gegen ihn stimmen.. ich servierte die torte. das mädchen trank den tee und rührte die torte  nicht an. sie war es gewohnt, dass manchmal erwachsene zu besuch kamen, und dinge aßen und tranken, die sie nicht aber nichts für sie waren. er wunderte sich immer noch, sah aber nun, dass ich dem mädchen nichts verbiete. - ich sagte dir doch, sie ist krank, sie isst das von sich aus nicht weil sie weiß das ihr davon schlecht wird.. glaubst du es jetzt?
er ließ locker.  wollte aber nun, dass sie das geschenk auspackt. sie bedankte sich höflich und machte vorsichtig auf. nicht gierig, und nicht einmal neu-gierig, wieder zu seiner verwunderung.
 ein kleidchen war darin. allerdings war es ihr zu groß. er war wieder enttäuscht. naja, sagte er, das konnte ich nicht wissen, ich dachte, sie wär größer.. dann schwieg er. - weil du noch eine tochter hast, die fast genauso alt ist, - beendete ich. - meine ist aber kleiner und dünner als alle ihre altersgenossen, sie war sehr krank als kleinkind. sie wurde krank, weil ich sie verlassen musste, weil ich geld verdienen musste. aber ich will dir nicht ins gewissen reden, das ist nicht meine art. ich wusste ja, dass es so sein wird, das war mein fehler, ich habe ihre krankheit unterschätzt. 
er blieb noch ein wenig und versuchte immer wieder mit der kleinen ins gespräch zu kommen, aber es wollte nicht klappen.. sie gab höfliche zurückhaltende antworten, und war glaube ich sogar ein wenig eingeschüchtert, zum schluß meinte er: da das kleid doch etwas zu groß ist (aber das kann sie ja später tragen, wenn sie größer geworden ist) gebe ich dir alternativ etwas geld, davon kannst du dir kaufen, was du willst, vlt etwas süßes oder etwas zum spielen, na?.. er zog einen schein heraus und gab dem mädchen. eine besondere reaktion erwartete er gar nicht mehr, aber ausgerechnet jetzt kam sie. ihre augen wurden größer, sie wunderte sich über die farbe des scheins: so einen habe sie noch nie gesehen. da schaute er nochmal genauer hin... aaarghh! - das wollt ich gar nicht.. 
er nahm ihn ihr wieder aus der hand und gab einen anderen, kleineren. der vorwurf in meinem blick ist ihm nicht entgangen. eine sekunde lang schämte er sich sogar, überspielte es aber schnell und gekonnt, verabschiedete sich und ging.




nach diesem treffen dachte ich, er kommt nicht mehr wieder, er hätte seine neugier befriedigt und das wars.. aber das war es nicht. nach einer weile tauchte er wieder auf. und dann wieder.. 
er kam alle paar monate für 1-2 tage. im sommer fuhr er uns oft ans meer, meist übers wochenende. kam freitags abends, sagte, ich soll badeanzug und ein paar tücher einpacken und mitkommen, wir fuhren die ganze nacht, das mädchen schlief auf dem rücksitz, bei sonnenaufgang waren wir am meer. tagsüber erholte er sich irgendwo im schatten  und wir gingen baden, sonnen und spazieren. wir übernachteten im auto oder im zelt, wenn er es mit hatte. es war auch eine schöne zeit, wenn wir beide gut drauf waren und das wetter schön war. ich nörgelte nicht weil ich wusste dass er mir nichts schuldete, vor allem, weil wir nicht verheiratet waren und er eine andere familie hatte.  ich hatte keine besonderen ansprüche. es wunderte mich, dass er immer wieder kam, gerade deswegen. 
nach etwa einem jahr sagte er, dass er es nochmal gerne mit mir versuchen würde. was soll das heißen? fragte ich. meinst du, du verlässt deine ehefrau mit dem anderen  kind und kommst wieder zu mir? 
warum nicht? meinte er. freust du dich denn gar nicht?
ok, es wäre nicht das erste mal, dass du eine frau mit kind verlässt, aber hast du es denn nicht selber satt? kannst du wenigstens eine sache richtig machen? wenigstens eine frau glücklich machen? und wenigstens für ein mädchen da sein als vater?
wir haben lange geredet. er ging wieder sehr enttäuscht. aber ich habe mich in der tat nicht wirklich gefreut über seinen vorschlag. ich war selbst darüber verwundert. jede andere frau wäre wenigstens insgeheim glücklich, denkend: er hat sich doch für mich entschieden!.. aber so dachte ich überhaupt nicht, ich fragte mich nur: wir kann er bloß so etwas sagen?..
eine zeit lang verging bevor er wieder kam und meinte: gut, du wills nicht mit mir wieder zusammen sein, aber du hast hoffentlich nichts dagegen, wenn ich euch ab und zu besuche, oder? 
ich hatte an sich nichts dagegen. und das mädchen entwickelte zu ihm keine besondere beziehung, sie war nie traurig, wenn er ging, und auch nicht ausserordentlich glücklich, wenn er kam. genau wie ich. er gewöhnte sich langsam daran. 
einmal kam ihm die idee, dass ich und seine jetzige frau sich kennenlernen sollten. und die kinder auch, da sie ja nun schwestern seien. mir gefiel die idee überhaupt nicht. und ich sagte, das wird seiner ehefrau genauso wenig gefallen. aber nein, meinte er, sie weiß, dass ich euch besuche. sie hat selber immer wieder danach gefragt. ich war etwas überrascht. ist sie denn nicht eifersüchtig? oder versucht sie genau auf diese weise ihrer eifersucht entgegenzuwirken? sie lässt dem mann wohl gewisse freiheiten damit er nicht rebelliert. das ist an sich nicht dumm. nur wozu so weit gehen? oder will sie mich herausfordern? vlt denkt sie, ich würde ihn festhalten und will mich nun  loswerden.. solche fragen waren für mich wie zahnschmerzen, sie ließen nicht los.
er konnte natürlich keinen besseren tag für das treffen aussuchen als den geburtstag meiner tochter. kurz davor brachte er uns in sein vorstadthaus (die ehefrau mit kind lebte in der stadt), wir verbrachten dort einige lustige tage, gingen fischen, schwitzten in seiner sauna, fütterten seine enten (eine schlachtete er damit ich uns was koche und nutzte noch einmal die gelegenheit um mich zu quälen und zu demütigen  indem er mich zwang die noch warme ente auszunehmen und zu rupfen..)  dann fuhr er in die stadt um die frau mit kind zu holen, wir blieben und warteten. es vergingen einige tage, aber er kam nicht. ich kam mir etwas veräppelt vor. fütterte weiter seine enten und wartete. letztendlich dachte ich, dass das ganze eh eine dumme idee war. ich packte die sachen und fuhr wieder nach hause. woche später kam er und fragte, wieso ich denn weggefahren sei. sie kamen mit süßigkeiten und blumen und geschenken und es war niemand da. seine frau sei sehr enttäuscht gewesen. ich sagte: wieso hast du mich so lange warten lassen? ich dachte, ihr habt es euch vlt anders überlegt und wartet nur dass ich von alleine drauf komme und verschwinde.. so ein quatsch! rief er. ich hatte noch ein paar sachen zu erledigen in der stadt, deshalb kamen wir nicht sofort. ja, ich hab noch kein telefon im ferienhaus, das ist noch in mache.. er entschuldigte sich, ob er es ernst meinte oder nicht, wusste ich nicht genau, das war mir allerdings gar nicht wichtig. er schlug ein neues treffen vor, ich wollte wieder abwinken, aber dann dachte ich, nein, die madame am anderen ende könnte denken, ich würde kneifen. nein, das darf sie nicht denken. ich bat ihn nur die kinder aus dem spiel zu lassen. wir trafen uns nur zudritt wieder in dem ferienhaus. ich sah eine äußerst unattraktive frau in seinem alter, dh 13 jahre älter als ich, dick, keine schöne figur, langweiliges gesicht, dünnes haar.. sie spielte die ganze zeit die gute hausfrau, das war mir recht, ich saß nur im klappstuhl im garten, wie eine urlauberin, sie redete nur wenig mit mir. wenn es tatsächlich ihre idee war, dieses treffen zu organisieren, dann wusste sie spätestens jetzt, dass es keine gute idee war. 
ich verbrachte im haus nur eine nacht (ich schlief im gästezimmer, sie zuzweit im schlafzimmer), morgens brachte er mich wieder nach hause. wir redeten nicht drüber. 
das andere mädchen habe ich nun nicht gesehen, wie ähnlich sie meiner tochter war, konnte ich nicht beurteilen. als meine tochter zur schule ging, kam er nur noch 2-3 mal im jahr zu besuch. 
das letzte mal war es wieder im sommer. da hatte ich einen netten nebenjob die wohnung irgendwelcher bekannten zu hüten während sie irgendwo im urlaub waren. wir wohnten in dieser großen mit wenig geschmack eingerichteten wohnuung, es machte überhaupt keinen spaß, fremde sachen anzufassen, aber es war nicht schlecht, dort abende mit freunden zu veranstalten, und zu einem solchen abend erschien auch er, obwohl niemand ihn einlud. wie er wieder herausfand, wo ich war, fragte ich mich erst gar nicht. wir kamen kaum dazu miteinander zu reden. es waren zu viele fremde leute da. und auch ich war etwas betrunken. ich weiß nicht ob er sich offiziell verabschieden oder mir sonst noch was sagen  wollte. er hat nicht einmal das ende der party abgewartet und ging. später kam mir in den sinn, vlt war er enttäuscht, weil er sah, wie glücklich ich war, obwohl allein, ohne ihn und ohne einen anderen mann, ohne viel geld, auto, großer wohnung und sonst noch was, wovon man glaubt, dass es menschen glücklich macht.. vlt wollte er dass ich mich freue, dass ich ihn bitte bei mir zu bleiben oder mir zumindest zu helfen.. nichts desgleichen. ich kam gut zurecht. er war mir eine willkommene abwechslung, aber keine notwendigkeit. hat ihm je eine frau gesagt, dass sie ohne ihn nicht leben kann? vlt die frau, die er heiratete. ich war ihm niemals böse, dass er sich so entschieden hat. alles war so wie es sein sollte. 



... ich war allein im dunklen schlafzimmer auf dem großen bett. ich sollte schlafen. hinter der geschlossenen tür war es hell, musik spielte, ich hörte stimmen. es wurde gefeiert, nur für mich war es schon zu spät. obwohl ich wusste, dass hinter der tür ganz viele menschen sind, hatte ich angst, hier in diesem großen zimmer allein zu sein. ich rief immer wieder, bis man mir auf den tisch eine nachtlampe hinstellte. noch später legte man mir eine schallplatte auf  (im schlafzimmer befand sich das abspielgerät dafür, wahrscheinlich weil schallplatten unmodern wurden, stellte man es dort ab, im wohnzimmer spielte man kasseten und stereoband ab)
dann schlief ich endlich ein. 
ich erinnerte mich ganz genau daran, was ich träumte. 
ich träumte ER wäre gekommen. 
ich sah ihn in der tür stehen. er drehte sich zu den kleiderhacken an der wand und sagte: hab bei euch meine mütze vergessen. 
er nahm seine mütze vom hacken, setzte sie auf und ging wieder durch die tür hinaus. 
das war alles.