Mittwoch, 11. Februar 2009

(...) 2

... Jetzt hat es sie besonders hart getroffen.



Ich hatte natürlich ebenso meine Abenteuer, aber immerhin bin ich nicht in dem Irrenhaus  gelandet. Bemerkenswert: Bruno (einer meiner Brüder) war auch mal in einer Psychiatrie. Er kam aus anderen Gründen hinein, weil er nämlich dauernd jemanden an der Uni verprügelte  und sich mit Professoren stritt... Nach dem „Klinikaufenthalt“ sah er natürlich sein Studium genau wie sein ganzes Leben als beendet. Bei ihr wird es auch nie wieder so sein wie früher. Nichts wird je wieder normal und gewöhnlich. Obwohl, was war schon an ihr normal .. Sie war einfach nur nie glücklich. Sie hätte es vielleicht sein können... Wenn sie damals zu Hause geblieben wäre, wenn sie diesen einen Mechaniker geheiratet hätte, der immer wieder versucht hat mit ihr auszugehen. Wenn die Mutter ihr das nicht ständig verboten hätte, wenn sie sie nicht dauernd ausschimpfen und zu Hause einsperren würde, und wenn der Vater nicht immer so gleichgültig gewesen wäre... Dann wäre sie noch da, in ihrer Nähe, sie hätten jemanden, der auch mal helfen kann, wenn es ab und zu nötig ist. Aber sie meinten, sie hätten es nicht nötig und werden es nie haben. (Um dann nur wenige Jahre später Richard dazu zu bringen alles aufzugeben und zu ihnen zu kommen, der Kerl hasste danach die ganze Welt, und ist, glaube ich, auch irre geworden... Beschissener Lebenslauf...) Also nahm ich damals Rita mit, als ich mich selber auf die Socken machte. Mit 16 packte ich die Koffer und wir gingen einfach zum Bahnhof. Ich dachte ja, ich tue ihr damit ein Gefallen. Ich rette mich und ich rette sie, dachte ich. Allein hätte sie es nie geschafft da raus zu kommen. Ich hatte nicht vor etwas für sie zu übernehmen, ich wollte ihr nur den Weg in die Freiheit zeigen, ich wollte ihr zeigen,dass sie so leben kann, wie sie es für richtig hält, dass sie sich mit den Typen treffen kann, die sie mag... Und dann saßen wir im Zug, und einige unangenehme Gestalten setzten sich zu uns und machten sich an uns, oder genauer gesagt, an Rita ran, sie war vattraktiv. Ich wusste, dass es keine „netten Jungs“ waren, als die sie sich anfangs verkaufen wollten,  damals reisten kleine Banden von Dieben in den Zügen mit und beklauten Passagiere, dann stiegen sie irgendwo aus und klauten an Bahnhöfen weiter, manchmal belästigten sie die Leute auch direkt, die Zugbegleiter hatten Angst vor ihnen, und die einsamen Ticketverkäufer auf den Stationen trauten sich auch nicht irgendwas zu unternehmen, und diese Jungs sahen so aus, als ob sie bei dieser Mode mitmachen würden... Und nun saßen zwei von den links und rechts von uns, und noch drei gegenüber, und sie machten uns an, genauer gesagt, Rita, mich eher weniger, denn ich war minderjährig und lange nicht so hübsch wie sie. Sie versuchten mich loszuwerden, ich hatte schreckliche Angst vor ihnen, weil solche Typen immer Messer hatten, und man erzählte, manchmal warfen sie auch Leute aus fahrenden Zügen ... Trotzdem blieb ich und verteidigte Rita, ich war laut, damit die anderen Fahrgäste nicht weggucken konnten, und ich schrie, dass sie uns in Ruhe lassen und ihre Pfoten wegnehmen sollen... Und meine große Schwester Rita saß ganz still und grinste dümmlich. Sie war wie gelähmt, man hätte sie wie  ein ahnungsloses Vieh  abführen können und sie hätte sich überhaupt nicht gewehrt. Wahrscheinlich so ähnlich wie dieses Mal, als Philipp ihr sagte, sie soll die Kasse mitnehmen... Es war also schon sehr früh klar, dass diese Frau niemals alleine in der Welt überleben wird, sie brauchte einen guten Aufpasser. Sie war immer brav und fleißig, aber auch absolut passiv und hilflos, schlimmer noch als ein Vieh.. (Ich war auch nicht nett zu meiner Schwester, damal, in den jungen Jahren, machte es ich mich besonders wütend, ihre Art, wie sie war, so wollte ich sie nicht sehen und nicht haben, ich wollte, dass sie mein Vorbild ist und meine Aufpasserin und keinesfalls umgekehrt..)  Philipp habe ich von Anfang an gehasst, aber noch mehr hasste ich Rita, weil sie sich ausgerechnet für ihn entschieden hat und weil sie ihm immer folgte und gehorchte. Vor den Banditen hat uns letztendlich ein Zufall gerettet. Auf einer Station sind gleich mehrere Soldaten eingestiegen und die Typen ließen uns endlich in Ruhe und verschwanden. Vor Philipp gab es leider keine Rettung. Ich kam sie nach einigen Jahren besuchen, sie war schon mit ihrer Ausbildung fertig, hatte einen Job, war schwanger und fest entschlossen und schon kurz davor Philipp zu heiraten. Wir kannten uns noch gar nicht, er musste mich irgendwo abholen, er kam mit einem Motorrad. Es war Sommer, sehr heiß, ich war wohl etwas zu leicht bekleidet, eben so, wie man sich an einem heißen Sommertag kleidet, und als ich sah, wie er mich beobachtete,  wurde es mir schlecht, und trotzdem setzte ich mich hinten drauf und wir fuhren los. Wir fuhren übers Feld, es war nirgendwo jemand zu sehen, plötzlich hielt er an. Er sagte, wir könnten uns eine Pause gönnen, irgendwo unter den Sträuchern im Schatten was trinken und es uns gemütlich machen. Er sagte: hübsche Mädchen schmecken am besten heiß. Ich sagte, er soll mich gefälligst weiterfahren, sonst wird es das letzte mal sein, dass er glaubt, er wäre ein Mann. Er sagte: Ach hör auf, - tat alles als einen Scherz ab. Ich kam unbeschadet an, doch leider war ich damals noch viel zu dumm, ich dachte, ich könnte Rita die Augen öffnen, ich erzählte ihr natürlich von dem Vorfall. Sie stürzte auf mich wie eine Megäre, schrie mich an, sagte, ich sei selber schuld, weil ich immer diese kurzen Röcke trage, und überhaupt sei ich schamlos und einfach nur auf ihr Glück neidisch...




Später habe ich es gelernt, wie man mit Rita redet. Wir standen uns wohl nie nah genug, um offen miteinander sprechen zu können, um einander zu vertrauen und alles zu glauben, was der andere sagt. Sie konnte jedem jedes Wort abkaufen, nur nicht mir.
 
Es fiel mir auch wieder ein, wie ich einmal Silvester  in ihrem Haus  "gefeiert"habe. Es war noch ein paar Jährchen später, zwei von ihren drei Söhnen waren schon auf der Welt, aber sie waren noch sehr klein. Ich kam wieder mal auf die Idee, meine einzige Schwester zu besuchen. Ausgerechnet zum Neujahr. Statt mit den Freunden in einer Großstadt zu feiern machte ich mich auf den Weg ins Niemalsland. Ich war den ganzen Tag mit dem Zug unterwegs und spät abends am 31 Dezember schüttelte mich ein leerer kalter dreckiger Dorfbus. Außer mir saß dort nur noch ein Fahrgast, ein unrasierter Typ mit einer zotteligen Pelzmütze (bestimmt Hund). Er beobachtete mich vier Haltestellen lang, an der fünften wechselte er den Platz, setzte sich zu mir.  (...)