Sonntag, 15. Februar 2009

(...) 5




Da stand ich nun im Schnee. Es verging einige Zeit. Ich lief mehrmals um das Haus herum, auf sicherem Abstand. Drinnen regte sich nichts, aber ich traute mich nicht wieder reinzugehen. Dann lief ich zum Nachbarhaus, dort war es sehr ruhig, nur der Fernseherbildschirm flackerte. Ich wollte an der Tür anklopfen, doch dann drehte ich mich um und ging wieder weg. Im nächsten Haus feierte man laut und ausgelassen. Da ging ich auch nur vorbei. Ich wanderte ziemlich lange so hin und her. Ein  Wunder, dass ich damals keine Lungenentzündung bekommen habe und dass mir nicht die Zehen abgefroren sind. Es fing auch an zu schneien. Als ich zurückkehrte, schlief er tief und fest auf seinem Sofa. Es war kalt im Haus, aber immer hin wärmer als draussen. Ich machte vorsichtig wieder Feuer im Ofen und kauerte noch ein paar Stunden lang im Sessel, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Doch er wachte nicht mehr auf. Nach sieben oder gegen halb acht wurde es langsam heller. Ich nahm meinen Blumenstrauß und ging. Ich fuhr mit dem ersten Bus, der natürlich absolut leer war – alle   schliefen nach der Feier. Ich fuhr zu Philipps Mutter, die Kinder waren wie vermutet bei ihr und sie erzählte mir, Rita sei im Krankenhaus. Dann fuhr ich weiter in die Stadt um wenigstens noch Rita im Krankenhaus zu sehen. Und die Blumen abzugeben. Denn jetzt würde sie mir keiner abkaufen, nicht mal für den halben Preis. Und Rita – sie schien gar nicht überrascht zu sein, als ob es ganz normal und gewöhnlich wäre, dass wir uns auf diese Weise treffen... Ich erzählte nichts, sie fragte auch nicht. Sie klagte einbisschen über die Gesundheit, wie man immer so tut und von den Kindern... Und dann fuhr ich wieder in die Stadt. Ich dachte, mit dem Flugzeug sei es einfacher für mich von hier aus nach Hause zu kommen, also reservierte ich mir den ersten freien Flug (der war erst um 18:34) und ging spazieren. Am Nachmittag öffneten schon einige Geschäfte und Restaurants, auf der Strasse war es kalt und ungemütlich, windig, es hörte nicht auf zu schneien. Ich versteckte mich in einer Teestube, aß Pfannkuchen und wartete. Abends auf dem Flughafen angekommen stellte ich fest, dass alle Maschinen große Verspätungen meldeten, keine wollte abheben wegen des schlechten Wetters, inzwischen fing ein richtiger Schneesturm an, draußen konnte man gar nicht mehr Himmel von Erde unterscheiden, alles war weiß. Es Vergingen Stunden, die meisten Passagiere verloren die Hoffnung, immer weitere Flüge wurden abgesagt, Leute gaben ihre Tickets ab und fuhren in Hotels. Nur ich saß wie angekettet auf der Bank in der Wartehalle. Für ein Hotel hatte ich nicht genug Geld. Und eine Alternative gab es auch nicht. Ich dachte: irgendwann muss sich doch das Wetter bessern. Es kann nicht ewig so schneien... Und dann wurde wieder Nacht. Es waren noch einige andere Menschen in der Wartehalle, sie dösten auf den Sitzbänken, Taschen als Kissen unter dem Kopf, damit man es sofort merkt und aufwacht, wenn da einer versuchen sollte was zu klauen. Ich umarmte auch meine Tasche und kämpfte mit dem Schlaf. Auf der Anzeigetafel regte sich nichts mehr. Als ich nicht mehr sitzen konnte, stand ich auf und ging auf und ab. Das war langweilig, so wäre ich auch im Stehen eingeschlafen. Also ging ich nach draußen um nachzusehen, ob das Wetter sich vielleicht langsam besserte. Und es war in der Tat schon etwas ruhiger geworden, sodass ich mich sogar für einen Spaziergang entschied. Obwohl ich sehr fror und auch sehr müde war. Irgendwann fand ich mich  auf einem Parkplatz, es war niemand da, außer einem Kerl, der mir hinterher hinkte und etwas zurief. Seine Beine verflochten sich ineinander, er konnte kaum noch deutlich reden, so betrunken er war. Er meinte, die Feier sei noch lange nicht vorbei, er sei heute auf einer ganz tollen Party eingeladen und ich sei genau die richtige um ihn dorthin zu begleiten. Ich gab Gas um ihn abzuhängen, doch es war gar nicht so einfach, schließlich war er etwa in meinem Alter und konnte trotz der Unmenge ausgetrunkenen Alkohols noch gut mithalten. Er war flink und gab nicht auf, und ich war an irgendeinem Zaun angekommen, sodass es nicht mehr weiter ging. Also sprang ich über den Zaun- im Minirock und mit den hohen Absätzen. Mein Verehrer versuchte ebenso drüberzuklettern doch er blieb auf dem Zaun hängen. „Hey, gibt’s Probleme?“ hörte ich plötzlich eine nüchterne und durchaus respekteinflößende Stimme. Ein ziemlich großer Mann stand vor mir neben seinem Auto. Mein Verfolger auf dem Zaun antwortete: „Nein, nein, überhaupt keine... wo denkst du hin?..“ - „Dann mach dass du weggkommst, sonst geb ich dich an die Ordnungsleute weiter“ sagte der Mann. „Nein, wozu denn? Ist doch alles in Ordnung...“ - mein Verehrer rutschte wieder runter vom Zaun und verschwand im Schnee und der Dunkelheit. „Ist wirklich alles in Ordnung?“ fragte mich der Mann. „Ja, jetzt ja. Danke“ sagte ich, hielt mich aber auf Distanz. In letzter Zeit hatte ich kein Glück mit den Männern... Er fragte, was ich hier um die Uhrzeit und ganz alleine mache. Ich antwortete, ich warte auf meine Maschine, ich hoffe, die wird irgendwann fliegen. - Frühestens ab morgen wieder, sagte er. Wieso nimmst du nicht ein Hotelzimmer? Kein Geld. Ach so. Soll ich dir vielleicht Gesellschaft leisten? Ich sagte: nein, nein! Ich komme schon klar. - Na dann begleite ich dich wenigstens zurück zum Wartesaal, damit dir keiner unterwegs auf die Nerven geht. Obwohl dort ist es auch nicht wirklich sicher... Dann bot er mir plötzlich an mit ihm mitzufahren. Er sagte, er übernachtete heute bei seiner Mutter. Er erzählte, dass er ein Pilot sei, und er hätte heute auch fliegen sollen, aber wegen des Wetters wurde alles abgesagt. Doch zum Glück wohne seine Mutter in dieser Stadt, also könnte er ganz gemütlich die Zeit überbrücken bis die Maschinen wieder gehen. Ich wusste nicht, was ich sonst noch machen soll, soviel ich von seinem Gesicht in der Dunkelheit sehen konnte, schien er mir mehr oder weniger vertrauenswürdig zu sein. Nachdem er uns beiden heißen Kaffee kaufte, stieg ich in sein Auto und wir fuhren zu seiner Mutter. Unterwegs stellte ich fest, dass er ziemlich witzig war, aber auch sehr höflich. Er fragte, ob ich keine Angst hätte, allein zu reisen. Und ich sagte: wie bitte? Angst!? Mit 16 setzte mich mein Vater quasi vor die Tür, druckte mir paar Geldscheine in die Hand und wünschte gute Reise. Seitdem muss ich nun alleine reisen und es ging bis jetzt wirklich gut. Er erzählte interessante Geschichten aus seinem Pilotenleben, wo er schon alles war, und ich träumte nur noch von einer gut geheizten Wohnung mit sauberer Bettwäsche und heißem frisch aufgekochtem Tee, und den Resten vom Silvestertisch, nochmal warm gemachte Hähnchen vielleicht, Salate aus dem Kühlschrank - die werden richtig lecker erst wenn sie eine Weile gestanden sind... Und wie ich morgen munter und satt in den Flugzeug steige und das alles hinter mir lasse. Und wenn mich Zahi nachher fragt, wie es war, erzähle ich ihr alles und sie sagt: Du bist wahnsinnig! Weil jedes Mädchen nur davon träumt einen Piloten zu heiraten. Oder zumindest so einen Typen, der gut aussieht und auch nicht dumm ist... Und ich würde dann nur mit den Schultern zucken und sagen: ich weiß nicht, irgendwie hab ich gar nicht an die Möglichkeit gedacht, ich war überhaupt nicht in der Stimmung zu flirten, denn meine Schwester hat mich echt enttäuscht... Ach ja, Zahi, wann höre ich endlich auf zu träumen, wann öffnen sich meine Augen?.. Wenn das passieren würde, könnte mich nichts und niemand mehr so bitter enttäuschen... Aber meine Augen schlossen sich gerade, ich träumte bereits...