Sonntag, 15. Februar 2009

(...) 6




Die Tür öffnete eine alte Frau in rotem Morgenmantel. Sie freute sich Cleu zu sehen. Gut, dass du vorbeigekommen bist, sagte sie, seit du diese neue Strecke fliegst, sehe ich dich ja kaum noch hier... Cleu sagte: ich bin nicht allein, hab einen Gast mitgebracht. Das Treppenhaus war nur dürftig beleuchtet und hinter Cleus breiten Schultern hat seine Mutter mich nicht sofort gesehen.  Die Freude war weg. Cleu erklärte die Lage und die Frau betrachtete mich skeptisch  von Kopf bis Fuß, drehte sich um und ging wieder in die Wohnung ohne ein Wort zu sagen. Es war klar, sie sah in mir ein abenteuerlustiges Flittchen, also kein willkommener Besuch in ihrem Haus. Ich hätte mich am liebsten direkt von Cleu verabschiedet und aus dem Staub gemacht, stieg schon einige Stufen nach unten, da fing er meinen Ärmel und zog mich daran wieder hoch. Komm, sagte er, alles  in Ordnung, mach dir keine Gedanken. Das wäre natürlich super, wenn ich das könnte, dachte ich - mir keine Gedanken zu machen. Ich quälte mich schrecklich, ich fühlte mich furchtbar unwohl dort in dieser Wohnung. Es war zwar (wenigstens) warm, aber vom leckeren Essen keine Spur. Die Frau fragte Cleu nur kurz: hast du Hunger? Er sagte: nein, danke, ich habe bei uns im Restaurant gegessen, aber Муся könnte sicherlich was Gutes vertragen... Wozu gibst du Geld für Restaurants aus, wenn du in DIESER Stadt bist? fragte sie fast empört. Den letzten Teil seines Satzes  ignorierte sie. Wir tranken etwas Tee, dann sagte sie: es ist spät, du musst schlafen gehen, du fliegst doch morgen. Cleu stimmte zu: ja, wir sind alle müde, Муся hat auch einiges durchgemacht, und du bist jetzt extra unseretwegen aufgestanden. DEINETWEGEN  stehe ich zu jeder Zeit auf, sagte sie mit ganz besonderer Betonung. Dann holte sie für mich eine Decke, Cleu klappte die Couch im Wohnzimmer auseinander, die beiden wünschten mir eine gute Nacht und machten die Wohnzimmertür zu. Sie selbst gingen aber nicht so schnell ins Bett. Ich hörte noch ziemlich lange ihre Stimmen in der Küche, am Ende stritten sie sich fast, und je lauter sie wurden, desto besser verstand ich ihre Worte. Die Frau war  unzufrieden und misstraurisch. Cleu sagte: warum hast du ihr nichts zu essen gegeben. Die Mutter sagte: ich hab nichts. Cleu sagte: ach, wenigstens ein Butterbrot hättest du schmieren können. Und sie sagte: das ist hier kein Gasthaus. Und überhaupt, was soll das, mitten in der Nacht wildfremde Leute nach Hause mitbringen... Entschuldige, ich hätte anrufen sollen... Sie redete weiter: Das ist hier kein Hotel! Warum geht sie nicht in ein Hotel?.. Ich hab dir doch erklärt... fing Cleu wieder an. Und sie: Solche Leute sind einfach nur frech. Sie nutzen die anderen aus, leben voll auf fremde Kosten. Und SIE ist auch noch eine Schlampe!... Mama!.. Na klar, das ist sie! Geht mit einem fremden Mann mitten in der Nacht irgendwohin! Gut, dass du das bist. Und wenn das ein anderer wäre? Mit anderen Gedanken im Kopf? Guck doch mal, wie die angezogen ist! Der Rock und die Stiefel! Solche Absätze trägt bei uns kein Mädchen! Das ist keine anständige Frau. Und was ist das für ein Name? Мурка!? So irgend so ein krimineller Spitzname!.. Mama! Bitte! Ihr Name ist Муся!.. Noch besser! Mein Gott, wie klingt DAS denn? So heißt doch kein Mensch!..Irgendwann beschloß ich nicht mehr zuzuhören. Ich schlief ein, ich sagte mir: zum Teufel, Hauptsache, sie schlagen mich nicht, niemand fasst mich noch meine Sachen an, - morgen früh bin ich hier weg, wenn ich für ein paar Stündchen die Augen schließen darf, ist es schon grandios.