Mittwoch, 11. Februar 2009

(...) 1

Ihr werdet wohl nie fertig, du und dein Leben, oder? - Mit 25 muss man alles erreicht haben. Sonst ist deine Zeit um und du hast noch gar nicht gelebt. - Nur weil in deinem Wohnzimmer immer noch nicht das richtige Sofa steht, verfällst du in so eine depressive Stimmung. Hab doch ein bisschen Geduld, nicht alles auf einmal. - Doch! Heutzutage muss alles und sofort geschehen. Spätestens mit 17 verdient man schon sein eigenes Geld. Mit 25 hat man fünf Jobs, gründet ein eigenes kleines Unternehmen, studiert nebenbei, führt ein aufregendes verfilmungsreifes Liebesleben, hat zwei Hunde, macht bei irgendwelchen Austauschprogrammen mit und fährt für ein Jahr nach Mexico, oder absolviert ein Praktikum in Lhasa, erlernt natürlich auch die jeweilige Sprache, erhält in dem Land ein lukratives Jobangebot und überlegt, ob man bei diesen wunderbaren Menschen bleiben oder in die Heimat zurückkehren sollte... Das alles muss man mit 25 schon hinter sich haben. Und ich laufe seit einem Monat um das neue ins Plastik verpackte Sofa rum und kriege das alte hässliche Ding nicht rausgeschmiessen.




Es schneit wieder. Es ist kalt und dunkel, ungemütlich, an Frühling ist noch nicht zu denken. Es ist ohnehin trist, die Selbstmordgedanken kommen da ganz von alleine. Und was machen die Mistkerle?Sie knipsen uns den Strom ab! Jeden Abend von sechs bis neun. Das ist doch DIE Zeit für all die lebensnotwendigen Hausarbeiten, Aufräumen, Kochen, Telefonieren, Fernsehen... Stattdessen stirbt alles um sechs Uhr. Und was machst DU? Schaust drei Stunden lang der Kerze beim brennen zu. Oder gehst einen Stock runter zur Nachbarin, sie hat eine "Gas-Bombe", kann also den Tee warm machen, sie erzählt alte Geschichten und die letzten Neuigkeiten.... Oder wenn du keine Lust auf das alles hast, was auch meistens der Fall ist, dann verpuppst du dich auf dem Sofa unter der Decke und schläfst meistens tief ein. Um neun geht das Licht und die Glotze an, du schaust wie betrunken, desorientiert, stolperst durch die Wohnung, fängst das Gewusel an... Und dann klingelt auch noch ganz plötzlich das Telefon, du wirst wach vom Schreck und denkst: meingott! Wer will da jetzt noch was von mir? Und es ist Alexander, Ritas ältester Sohn, und er will Geld.







Ich war natürlich sehr überrascht, denn ich erwartete alles mögliche zu hören, nur nicht seine Stimme. Ich habe ihn gar nicht erkannt und musste erst einen Moment lang überlegen, als er sich vorstellte. - Wie hast du mich gefunden? - fragte ich. - Na ja, - sagte er, - Sie haben doch mal geschrieben, dass sie zurzeit bei den Eltern wohnen und trockene Wüstensträucher sammeln um zu heizen. Dort gibt es ja kein Telefon, aber Onkel Victor ist dort in der Nähe, den habe ich angerufen. - Hast du ihm auch die Geschichte erzählt. - Nein, - sagte er, - mit ihm konnte ich gar nicht reden, seine Frau war dran, sie hat ihn nicht gerufen und sie war ziemlich gereizt. Natürlich war sie gereizt, dachte ich. Sie kapiert einfach nicht, dass sie nicht zur Familie gehört und dass manche Sachen sie nichts angehen. Obwohl, von welcher Familie spreche ich da eigentlich? DAVON versteht sie aber genauso wenig, umso schlimmer für uns. - Ich habe kein Geld, -sagte ich zu Alexander, - ich würde ja gerne euch irgendwie helfen, aber ich kann nicht. Ich habe tatsächlich noch bis vor kurzem Sträucher gesammelt, dann kam Victor zu Besuch und bot mir spontan an mitzukommen. Eine Weile wohnte ich noch bei ihm, musste aber bald raus,  wegen seiner Frau... Nun bin ich in eine eigene Wohnung eingezogen, die ich noch gar nicht bezahlen kann, ich versuche selbst Fuß zu fassen, meine Aushilfsjobs bringen nicht viel ein, im Herbst habe ich nebenbei auf dem Zwiebelfeld geschuftet... (Das war hart, wir mussten uns beeilen, damit die Ernte nicht nass wird, wir arbeiteten selbst wenn es schon dunkel war, im Scheinwerferlicht der Laster.. Er war enttäuscht. Aber ich denke, er hat kaum etwas anderes erwartet, denn ich war nie für meinen Reichtum bekannt. Keiner von uns war es je. Er wollte bestimmt einfach nur jemandem seine Geschichte erzählen. Alle wussten schon bescheid, die Nachbarn, das ganze Dorf, nur nicht die, die es wirklich wissen sollten. Seitdem Rita in die Psychiatrie eingewiesen wurde, lebten die Kinder bei Philipps Mutter – sie war zwar schon sehr alt, älter als meine Eltern, aber immer noch in der Lage zu kochen, zu waschen und die Jungs in die Schule zu schicken – und Philipp selber, der war mal hier mal dort, mal betrunken mal nüchtern... Das Haus wurde ihnen weggenommen – das Geld hat Philipp zwar zurückgegeben, aber wohl doch nicht alles... Es fing damit an, dass er die verrückte Idee hatte, ein neues Auto zu kaufen. Das Geld hatte er nicht, aber er wollte unbedingt die Karre haben, da schlug er Rita vor, einfach mal die gesamte Monatskasse der Poststelle, wo sie arbeitete, nach Hause mitzunehmen. Selbst die Kinder sagten: Papa, du bist bescheuert, Mama kommt doch ins Gefängnis!.. Doch es ist  überhaupt nicht schwer, Rita zu beeinflussen, sie hat keinen eigenen Kopf. Natürlich tat sie es, und die Kollegen boten ihr netterweise an sich selbst anzuzeigen. Doch dann begannen diese merkwürdigen Verwirrtheitszustände, Rita ging ständig weg, wurde dann jedesmal irgendwo von den Leuten gefunden und nach Hause gebracht, sie wusste nicht, wo sie war und warum, konnte nicht mal sagen, wie sie heißt... Seit sie in der Klinik ist, geht es ihr immer besser. Die Söhne besuchen sie regelmäßig, sie sieht, dass sie einigermaßen versorgt sind und einigermaßen zurechtkommen. Allerdings weiß sie noch nicht, dass sie kein Haus mehr haben.  (...)