Freitag, 13. Februar 2009

(...) 4



Irgendwann nickte ich ein.
Ich wachte auf als ich Geräusche in der Diele hörte, ich richtete mich auf, bereit zu kämpfen
oder zu fliehen... Und dann sah ich Philipp an dem Türrahmen hängen. Er sah schrecklich aus.
Und er war sturzbesoffen. Er schaute eine Weile in den Raum bis er begriff, dass jemand da ist.
Dann entdeckte er mich. Und es dauerte noch etwas bis er darauf kam, wer ich bin.
Er runzelte die Stirn und fragte: Was machst du hier? Er wollte es fragen. Und ich dachte:
wieso zum Teufel bist du jetzt nach Hause gekommen?. Hättest auch weiter feiern können mit deinen Kumpels irgendwo...
Was hätte ich nun tun sollen? Es war so verdammt kalt draussen. Die Uhr zeigte kurz vor drei.
Er verschwand in der Küche, stolperte dort über Möbel, fluchte, das Geschirr krachte...
Er suchte wohl nach etwas essbarem, doch es gab nichts. Irgendwann schmiss er
etwas verärgert in die Spüle und kehrte zurück ins Wohnzimmer. Ich saß immer noch
im Sessel ganz nah am Feuer und er ließ sich breitbeinig auf dem Sofa nieder, etwas weiter
weg hinter mir. Ich fühlte mich dadurch noch unwohler. Ihn ständig ansehen wollte ich zwar
nicht, aber ihn komplett aus dem Blick zu verlieren fand ich gefährlich. Ich drehte mich
ganz wenig auf dem Sitz so dass er nur als eine dunkle Silhouette am Rande meines
Sichtfeldes vorkam. Auf diese Weise blieb mir der Anblick seiner ekelhaften Fresse
erspart, alle seine Bewegungen jedoch konnten von mir sofort registriert werden.
So saßen wir eine Weile. Die Menschen spüren, wenn ich sie hasse, weil ich es nicht verbergen kann und es auch gar nicht versuche meistens. Und er, egal wie dämlich er war, spürte es auch. Er starrte mich an ohne ein einziges Mal wegzuschauen. Ich tat so, als würde ich langsam einschlafen, ich hoffte, dass er irgendwann auch müde wird und einpennt, dann könnte ich vielleicht noch in Ruhe
die restliche Zeit hier überdauern. Plötzlich klopfte er an den Sofasitz neben sich und sagte:
komm doch her! Ich drehte mich um, verstand erst gar nicht, was er meinte. Dann sagte er
wieder: was sitzt du dort so alleine? Komm her, hier ist es gemütlicher und wärmer. Mein
Feuer im Ofen ging tatsächlich langsam aus, aber es war kein Grund für mich seine
Einladung anzunehmen. Ich sagte: leg dich hin und schlaf. Es ist spät. Und er: schlafen?!
Wie soll ich denn schlafen, wenn hier so eine hübsche Dame sitzt?! Ich denk gar nicht dran!
Dann stand er auf – ich war überrascht, auf einmal stand er vor mir – und riss mich am Arm
hoch: komm her, du Schlampe! Für irgendwas musst du doch gut sein!
Da wurde ich schnell wach. Zum Glück war er doch noch sehr wackelig, ich schlüpfte an ihm vorbei und lief ein paar Schritte weg. Er lief hinterher. Nächtlicher Sport. Lauf mit Hindernissen. Wir rannten eine Weile durch die Zimmer, kippten die Stühle um – gefährlich war das weniger, eher lästig für mich. Ich hasste ihn, weil er so ein Schwein war, weil es keine Feier gab, stattdessen nur
ein kaltes dreckiges Haus, weil ich umsonst gekommen bin, diese Enttäuschung hätte ich mir
sparen können, und weil er mich nach dem allen immer noch nicht in Ruhe lassen wollte.
Und er hasste mich, weil ich ihn hasste und gab deshalb nicht auf. Beim Rennen entwickelte
ich einen Plan, wie ich ihn loswerden könnte: ich laufe aus dem Haus auf die Strasse, er läuft
mir hinterher, dann schleiche ich mich unbemerkt zurück ins Haus, schließe die Tür ab und
sperre ihn weg. Leider hat es nicht funktioniert. Als ich draußen war, merkte ich, der
Schweinehund war nicht besonders scharf auf die Kälte. Er blieb drinnen. Und ich hatte nicht
mal meine Jacke an.

(...)