Montag, 16. Mai 2011

Alisa. la bande originale (16)





Ich erinnere mich an eine familie mit der meine mutter sehr gut befreundet war. Ein sehr harmonisches ehepaar, die uns immer gerne bei sich zu hause empfingen, sie halfen meiner mutter in schwierigen tagen, sie war ihnen immer etwas schuldig – aber ohne das gefühl jemandem etwas schuldig zu sein, auf die bessere art also. Der mann war lkw-fernfahrer, die frau arbeitete im kindergarten als musik- und gesangslehrerin, ihre mutter war lehrerin an der örtlichen schule, unterrichtete in der oberstufe, sie stand mit dem schwiegersohn auf kriegsfuß, weil sie meinte, ihre tochter hätte jemand besseren verdient, meine mutter mochte die alte frau auch nicht, vielleicht weil sie alleinerziehend war oder sonst noch wie schlechten einfluss auf ihre tochter haben könnte, och ausser ihr störte sich niemand daran und unsere guten beziehungen blieben stabil, soweit man diese schwiegermutter da ausklammern konnte. Die zwei söhne der familie waren tolle lustige jungs, gut erzogen, als teenager schliefen sie in einem zimmer, dessen wände mit postern von bruce lee und jean claude vandamme beklebt waren. Obwohl sie jungs waren und ich ein mädchen, und das auch noch um einige jahre junger, beschäftigten sie sich gerne mit mir, wir spielten mario-spiele, schauten bollywood- und disneyfilme auf video, kochten zusammen... einmal war meine mutter irgendwo unterwegs und ich wohnte bei der familie etwa eine woche lang, ich schlief bei Jan, mit dem ich mich am besten verstand, wir plauderten nachts sehr lange, er erzählte witze und ich lachte, sodass die eltern an die wand klopfen mussten, damit wir ruhig sind. Jan war der beste freund, vielleicht schwärmte ich sogar ein wenig von ihm, so wie auch andere kleine mädchen von größeren und stärkeren jungs schwärmen. Da ging mir einer aus meiner klasse mir auf die nerven, ich beschwerte mich bei Jan, also hat er ein wenig auf den störenfried eingewirkt, so dass der mich schnell in ruhe ließ. Einmal feierten unsere eltern mit den eltern eines anderen jungen irgendeinen geburtstag, so dass wir drei zu hause bei diesem dritten jungen auf sie warteten. Da meinte wohl dieser junge vor Jan und Ed ein wenig punkten zu können – sie waren älter als er – und verriet nicht nur, dass sein vater pornos besaß, sondern auch dass er wusste, wo er sie versteckt... mich schienen sie in dem moment vergessen zu haben, ich spielte in einem anderen zimmer, doch irgendwann kam ich zu ihnen, sah auf den bildschirm, erschrak und lief weg. Da kam Jan zu mir, versuchte auf mich zuzureden, doch ich wollte unter keinen umständen zurück, da sagte er zu den beiden anderen, sie sollen den fernseher ausschalten, sie machten sich ein wenig über mich lustig, gehorchten aber.
Wir verstanden uns ausgesprochen gut. Er behandelte mich fast gentlemenlike, obwohl ich noch so jung war und so kaum etwas davon verstand. Merkwürdigerweise kann ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, ob ich traurig war, als meine mutter die koffer packte. Vielleicht war ich auch gar nicht traurig, weil es hieß, es sei das beste für uns, insbesondere für mich (und das war es auch in der tat), ein besseres leben erwartete uns, dachten wir zumindest damals, vielleicht habe ich mich auch schon an den gedanken gewöhnt, das wir nicht ewig da bleiben, all die jahre dort waren nichts weiter als nur das lange warten auf die abreise... außerdem waren wir uns irgendwie sicher, dass sich unsere wege nochmal kreuzen werden, dass wir einander nicht für immer verlieren, und tatsächlich schrieb meine mutter eine zeit lang briefe. Eine zeit lang. Ich schrieb auch eine weile lang meinen ehemaligen klassenfreundinnen bis ihre heirats- und weitere zukunftspläne wichtiger wurden und wir jeden bezug zueinander verloren... was auch nicht weiter verwunderlich war, denn über die jahre wurden wir zu ganz anderen menschen. Warum dachten wir dass wir für immer so bleiben, wie wir waren, als wir uns trennten?.. wenn wir uns je wieder treffen würden, so würden wir wahrscheinlich aneinander vorbeilaufen ohne sich gegnseitig zu erkennen, so sehr haben wir uns verändert. So wäre ich auch an Jan vorbeigelaufen, weil ich mir nie vorgestellt hätte, er könnte so werden, wie er heute ist oder das ich mich zu dem entwickle, was ich heute bin... über irgendwelche dritte gemeinsame bekannte hat er die telefonnummer meiner mutter bekommen. Von ihr erfuhr er dass schon lange nicht mehr zu hause wohne sondern in einer ganz anderen stadt, und weil ich keinen festnetz habe und mobilfunkauslandsgespräche ziemlich teuer sind tat sie gut daran ihm lediglich meine email-adresse zu geben, woführ ich ihr sehr dankbar war, und das nicht nur aus finanziellen gründen... er schickte mir fotos. Seine eltern habe ich erkannt, obwohl stark abgenommen haben und auch sonst sehr gealtert sind... er selbst und sein bruder Ed waren auf den bildern vollkommen fremde männer für mich. Er fragte ob ich auch welche fotos schicken könnte. Er sagte ich sei schön. Wollte sich möglichst bald mit mir treffen. Er erzählte ungern von sich. Als erstes habe ich erfahren, dass er als berufssoldat in frankreich lebt und immer wieder nach afrika geschickt wird. Das hat mich sehr überrascht. Es war nicht leicht informationen über seine eltern und seinen bruder herauszubekommen. Nach und nach fügten sich einzelne sätze und andeutungen zu eine recht verschwommenen bild zusammen. Sein vater fuhr immer noch lkw, riskierte dabei immer mehr und verdiente auch immer weniger geld dafür. Seine mutter arbeitete immer noch im kindergarten, aber mittlerweile fast schon ehrenamtlich, so sehr wurden der einrichtung die gelder gekürzt, oma war in rente. Ed war ein besonders schwieriges thema. Die größte enttäuschung der familie sozusagen. Mutter und vater investierten all ihr geld in sein studium, er brach es aber ab, schwängerte eine kommilitorin, und da sie probleme mit ihren eltern bekam, zogen sie zu seinen eltern und lebten nun zusammen mit dem kind auf fremde kosten, beide ohne arbeit. Und Jan selbst – irgendwann beichtete er, dass er ebenfalls eine unglückliche beziehung hinter sich hatte, genauer gesagt, unglückliche ehe, die erade mal zwei monate dauerte, nach den seine junge frau wieder zu ihren eltern zog und ihn nie wieder sehen wollte und ihm auch jedes treffen mit seiner kleinen tochter verweigerte. Über die genauen gründe erzählte er nichts. Aber er erklärte ausführlich, was für ein toller sohn und baruder und vater er war, er ernähre mit seinem geld praktisch drei familien...
zu mir sagte er. Komm mich besuchen und ich zeige dir frankreich, ich bin hier zwischenzeitlich viel rumgekommen, ich kenne mich gut aus. Ich hatte bereits bei den wenigen kryptischen mails kein gutes gefühl, doch ich ließ mich trotzdem auf einen chat ein, wir „redeten“ keine zwanzig minuten, schon stritten wir uns über alle möglichen politischen und moralischen fragen gleichzeitig. Was mich am meisten störte, war nicht seine berufswahl und seine ansichten, sondern das fehlen von jeder spur von zweifel,die absolute sicherheit und feste überzeugung, mit der er voll und ganz dahinter stand. Ich sagte: ich kann nicht mit dir reden. Er sagte: du hast dich sehr verändert. Ich dachte: jawohl mein freundchen. Oder hast du erwartet, dass ich nur an körpergröße zunehme, aber geistig für immer auf dem niveau einer elfjährigen bleibe? Am ende war er sehr enttäuscht. Ich ließ mich nicht beeindrücken, ich warf mich ihm nicht um den hals, ich war über alles anderer meinung. Er sagte. Na schön, wie du willst. Und zog sich beleidigt zurück. So ging es zu ende. Bzw: das leben mag uns ja noch viele überraschungen bereiten, aber ich erwarte keine fortsetzung dieser geschichte und ich hoffe nicht, dass er sich irgendwann wieder bei mir meldet. So oder ähnlich vergehen also freundschaften...