Dienstag, 17. Mai 2011

Alisa. la bande originale (17)







Aufzüge – es gab vier in unserem haus: zwei große und zwei kleine. Die großen waren so gut wie nie im betrieb. Außer wenn irgendwo ein umzug bevorstand, dann bat man die hausverwaltung die großen, oder wenigstens einen von den einzuschalten, wenn er denn auch funktionstüchtig war. Dadurch, dass sie so selten benutzt wurden, sahen sie von innen etwas besser aus als die kleinen. Die liefen dagegen tag und nacht zwischen den zwölf stockwerken hin und her, gingen abwechselnd kaputt, wurden dann aber relativ schnell wieder repariert, maximal nach fünf tagen, sonst blieben sie stehen bei stromausfällen, dies passierte allerdings immer häufiger, oder auch wenn die bösen jungs an den knöpfen herumspielten, wenn kein erwachsener mit dabei war... die knöpfe... ein wahres wunder, dass man mit diesen knöpfen die aufzüge bedienen konnte. Manche von ihnen fehlten komplett – wurden herausgeriissen oder herausgeschlagen, - die restlichen waren angekockelt, halbgeschmolzen, die nummern der etagen darauf kaum noch zu sehen... nicht selten war die deckenleute defekt – wenn der aufzug seine schiebetüren schloß, fuhr man im dunklen. Es roch dort dauernd nach urin und die ecken waren so gut wie nie trocken. Ob so manchen der fahrstuhlgästen der weg bis zur eigenen toilette zu lang war oder blieben sie so oft stecken und wurden nicht so bald befreit? Ich blieb ebenfalls so einige male im aufzug stecken, aber die hilfe kam meistens recht schnell. Einmal standen wir genau zwischen zwei stockwerken, die tür wurde vom oberen aus aufgemacht, sodass mich jemand hochheben musste damit mich der mechaniker nach oben hinausziehen konnte. Allein schon wegen solchen möglichen szenarien bat mich meine mutter niemals allein mit dem aufzug zu fahren. Und auch sonst sich genau die menschen anzugucken, mit den ich einsteige. Wenn du unsicher bist, dann warte lieber auf die nächste fahrt, oder ruf mich wenn ich zu hause bin... das war so üblich, von unten nach der mutter zu schreien, bis sie aus dem fenster schaute und sich nach deinen wünschen erkundigte.. ich erinnere mich wie ich mit einer fremden dame hochfuhr, sie musste irgendwo im achten aussteigen und ich bat sie auf den knopf nummer zwölf zu drücken, weil er sich ganz oben befand, sodass ich es nicht selbst tun konnte.
Recht häufig kam es vor, dass ich zu fuß laufen musste. Entweder weil sich keine passende begleitung fand um mit dem aufzug zu fahren, oder weil dieser wieder mal defekt war oder irgendwo zwischen den stockwerken festsaß, oder weil es wieder mal keinen strom gab, oder weil ich einfach nur allein sein wollte... das treppenhaus war nicht viel sicherer als die aufzüge. Die müllabwürfe waren dauernd verstopft, berge von müll lagen direkt auf den treppen, darüber hüpften munter die ratten. Geländer waren verbogen, hingen zerstückelt hinunter, da war es empfehlenswert an solchen stellen lieber an der wand entlang zu gehen. Doch war es ebenso wenig ratsam den wänden zu nahe zu kommen, sie wirkten außerordentlich abstoßend durch all den schmutz, die kritzeleien und schmierereien, die sie an sich trugen. Die fenster im treppenhaus waren fast alle zerschlagen, wobei es unwahrscheinlich war nach draussen hinauszufallen, die gefahr bestand eher darin in den schacht zwischen den fensterscheiben zu stürzen, der breit genug war für einen kindlichen körper... auch so manch eine begegnung im treppenhaus war nicht immer angenehm. Wenn man irgendwelchen lärm von weitem hörte, zum beispiel streitende männe, so hatte man die möglichkeit sich auf der etage zu verstecken und abzuwarten bis sie weg waren. Ein mädchen aus der nachbarschaft erzählte mal, dass sie immer wieder auf der treppe einem kerl begegnete, der vielleicht 16 oder 17 jahre alt war, also deutlich älter als sie. Einmal sprach er sie an, sie blieben kurz stehen, er steckte die hand ihr unter die jacke, sie spürte seinen finger zwischen ihren beinen, danach ging er weiter. Ich habe mich immer vor einem jungen gefürchtet, der im neunten stock wohnte, wir waren etwa gleich alt, er schien mich irgendwo her zu kennen, und ich ihn auch, allerdings habe ich vergessen, wie und wann wir uns zum ersten mal begegneten, wir sprachen nie miteinander und er hat mir eigentlich nie etwas böses getan, aber etwas war da, eine ahnung, ein beunruhigendes gefühl, mir wurde kalt vor schrecken, jedesmal wenn ich ihn sah, überhaupt seine ganze art, wie er sich bewegte, wie er schaute war einfach beängstigend. Er gehörte eindeutig nicht zu den guten, er rauchte auf der strasse mit den anderen jungs, seine kleidung war schmuddelig... jedenfalls ersuchte ich stets die neunte etage so schnell wie möglich zu passieren, und oberhalb der neunten etage fühlte ich mich am sichersten – unterhalb bestand die möglichkeit immer noch ihm zu begegnen, aber ganz bestimmt nicht oberhalb. Und einmal passierte doch das unvermeidliche, wir trafen uns auf der treppe. Ich war auf dem weg nach oben und auf der fünften etage sah ich in von der sechsten runterkommen, ein bruchteil der sekunde zu spät, ein bruchteil der sekunde zu schnell war er für mich, weil er ohne schuhe und leicht wie eine katze lief. Ich bog sofort auf die etage ein, obwohl ich wusste, dass es nutzlos war, er folgte mir natürlich. In der fünften wohnte eigentlich die beste freundin meiner mutter, aber ich wusste dass sie nicht zu hause war, und auch ihr sohn war im kindergarten, überhaupt um die uhrzeit auf anständige erwachsene im haus anzutreffen war so gut wie ausgeschlossen. Trotzdem klopfte ich an die tür, tat so als ob da jemand zu hause sein könnte, nur damit er weggeht und mich in ruhe lässt. Er wartete kurz ab, selbstverständlich machte mir niemand die tür auf. Da kam er näher. Was machst du? fragte er. Ich will nur die freundinn meiner mutter besuchen, aber sie ist anscheinend nicht zu hause, sagte ich und wollte schnell an ihm vorbei und wieder raus, aber er überholte mich sofort und versperrte den weg. Warte, sagte er. Wieso? fragte ich. Wieso? wiederholte er. Er stand an die wand gelehnt und lies mich nicht vorbei. Sag mal, hast du etwa angst? fragte er und ich betete es käme doch irgend jemand vorbei, aber es war still im haus wie in einer ägyptischen pyramide, die sonne schien durch die kaputten fenster in den langen flur, ich hörte seinen atem, so nah waren wir uns noch nie. Weißt du nicht mehr? fragte er wieder. Kennst du meinen vater noch? Nein, ich kannte seinen vater nicht. Weißt du noch, wie er und deine mutter?.. Nein, wollte ich gerne sagen, du irrst dich, da war ganz bestimmt nie etwas mit deinem vater und meiner mutter, als kind merkt man sich zwar nicht alles, aber ich kannte alle männer die bei uns je zu besuch waren, und dein vater war nie dabei, aber ich schwieg, in der angst, er würde mich länger quälen, wenn ich ihm widerspräche... er beugte sich näher zu mir vor und spuckte an meiner schulter vorbei an die wand. Wir sahen beide schweigend zu wie der kleine schaumklumpen die schmutzige wand hinunterrutschte und dabei eine schimmernde feuchte spur hinter sich ließ. Weißt du wirklich nicht mehr?.. fragte er nochmal. Dann ging er einen schritt zurück – er ließ mich frei. Ich ging hinaus auf die treppe und lief hoch, er verfolgte mich nicht. Auch später sind wir uns nie wieder so unmittelbar begegnet, ich sah ihn ein paar mal aus der ferne. Vielleicht hatte ich glück, oder er hatte kein interesse mehr an mir. Ich fühlte mich dann auch besser und selbstsicherer.
In der zeit irgendwo dazwischen war noch etwas anderes passiert. Einmal beim treppensteigen sah ich etwas am fenster vorbeifliegen, das war an sich nichts besonderes, leute schmießen ständig irgendwelchen müll aus ihren fenstern oder irgendwelche kinder warfen verschiedene gegenstände den schacht hinunter (erforschten die materialeigenschaften bzw grenzen ihrer stabilität). Aber diesmal war der gegnstand recht groß und schwer, er schien menschliche gestalt zu haben, ich meinte ein bein zu sehen, vielleicht war es eine große puppe, doch sie flog so schnell vorbei, dass ich so gut wie gar nichts sah, hörte nur die dumpfen schläge an den wänden des schachts und an den fensterrahmen, immer weiter unten... tage später erfuhr ich, dass ein kind von unserer etage sogar den schacht hinunter stürzte. Er war der etwa zweijährige junge der oft unbeaufsichtigt im flur herumlief, manchmal auch ganz allein, und selbst wenn wir ebenfalls im flur spielten, kümmerten wir uns nicht weiter um ihn, denn er war einfach viel zu klein um bei uns mitmachen zu können... jemand von den nachbarskindern behauptete seinen körper gesehen zu haben, als er aus dem schacht herausgeholt wurde, es soll ein riesiges scharfes stück glas in seinem rücken gesteckt haben, ich wusste nicht, ob das die wahrheit oder nur die üblichen gruselgeschichten waren. Die mutter des jungen verteilte süßigkeiten als zeichen der trauer.