Dienstag, 22. Juli 2008

Weltfrieden und Blumen für alle!

heute ist mein geburtstag. das wetter ist fein, wir machen einen ausflug zum drachenfels. ich werde gefilmt. ich finde es albern und peinlich, aber ich kann mich überhaupt nicht wehren. 
oben auf dem berg hat man eine schöne aussicht. unten fließt der rhein und die gegend drum herum liegt wie auf einem tisch ausgebreitet. touristen und besucher gehen im schloßgarten spazieren, sitzen im cafe, das geschirr glänzt in der sonne. ich denke an meinen zwillingsbruder, der ja ebenfalls heute sein geburtstag hat, allerdings weiß ich nicht, ob er ihn feiert, ob er das überhaupt noch weiß... das letzte, was ich von ihm gehört habe (durch die bekannte, die noch ab und zu in der gegend zu tun hatte): er lebte immer noch in dem alten häuschen, pflegte allerdings nicht mehr den garten. er fuhr gelegentlich in die stadt das geld auftreiben, kehrte zurück und trank. als ihn einmal jemand nach mir fragte, sagte er, ich sei gestorben. ob aus groll und bosheit, oder weil er wirklich so dachte, weiß kein mensch. unser letztes persönliches treffen lag schon lange zurück, und es war alles andere als warm und fröhlich. die eltern lebten noch, waren aber schon sehr alt und hilfsbedürftig, er lebte mit ihnen, versorgte sie, ob gut oder schlecht, aber holz und kohle zum heizen waren da... ich kam zum sprachtest und musste bei ihnen übernachten. die stimmung war erdrückend. die eltern waren still. richa nörgelte dagegen ziemlich viel. er machte mir vorwürfe, ich wäre eine rabenmutter, hätte meine tochter allein gelassen.. - was sagst du bloß, - erwiderte ich, - erstens ist sie kein klienes kind mehr, sie ist 15, und zweitens ist sie nicht allein, sondern bei bekannten.. 
da wurde er wütend und schrie, ich dachte, er war kurz davor mich zu schlagen, da kam der vater dazwischen, richa stieß ihn weg mit den worten: sei du doch still! - und der alte man fiel auf den boden. die szene war einfach furchterregend.  
am nächsten tag fuhr ich weg, ohne den sprachtest gemacht zu haben (ich schrieb dann lange mitleiderregende briefe und bat, den test in meine nähe zu verlegen, was letztendlich tatsächlich gemacht wurde). die eltern taten mir am meisten leid, weil sie mit richa allein im haus blieben. 
ich erkannte mienne bruder nicht wieder. er veränderte sich so sehr. von allen anderen geschwistern verstanden wir uns beide miteinander am besten. wir waren ja auch zwillinge. wir machten alles zusammen, wir spielten, bastelten, erzählten einander geschichten, lasen dieselben bücher. er interessierte sich für geschichte, später für philosophie, zeichnete besser als alle anderen in der familie, die lehrer sagten ihm große zukunft voraus. ich schaute zu ihm hinauf, er war mein lieblingsbruder und mein absolutes ideal. er verließ das haus etwas früher als ich, ging zur armee, dann arbeiten, danach studierte er jura. wir schrieben uns lange briefe. und als vielversprechender jurastudent kam er mich einmal besuchen. er trug anzug und krawatte, hatte tolle manieren und beiendruckte alle meine freundinnen. 
ich war gerade dabei, die Wände der Aula im Kindergarten zu bemalen, sowie die Pavillons auf den Spielplätzen, und er leistete mir dabei gesellschaft und half ein wenig - er malte immer noch tausendmal besser als ich, sogar ohne viel übung und ich bat ihn oft um rat und überließ ihm die feineren details. in der aula spielte meine beste freundin, die musiklehrerin, am klavier für uns. wenn sie nicht da war, legten wir schallplatten mit klassischer musik auf oder spielten kassen ab, die er aus der stat mitgebracht hatte. nach seinem besuch sahen mich alle meine kolleginnen mit ganz anderen augen an. er brachte auch eine schöne puppe für meine tochter mit, welche es bei uns nicht zu kaufen gab. kurz gesagt, alle verliebten sich in ihn. 
ein paar jahre später gab er plötzlich das studium auf. 
er sagte, die eltern seien alt geworden und brauchten hilfe, es sei aber keiner da. 
er deutete auch an, dass er von allem enttäuscht war, auch von der frau, in die er verliebt war.
er kehrte nach hause zurück, ins dorf. 
als ich ihn dort wieder jahre später besuchte, war er mitglied in einer sekte. das hat mich sehr verwundert, ich konnte nicht glauben, dass es für ihn anscheinend so eine ernste sache war. ich kannte diese sekten, sie schoßen in letzter zeit wie pilze aus dem boden, ihre broschüren und bücher waren überall, sie bewarben ständig neue mitglieder, doch das alles nur um die quoten zu halten und materielle hilfe aus dem ausland zu erhalten, für pakete mit kleidung, konserven, irgendwelche projekte wurden erfunden, die dann meistens aus den usa finanziert wurden... nicht mal die pfarrer selbst glaubten an gott, geschweige denn der rest der gemeinde, aber richa schien sich tatsächlich nicht für materielle vorteile interessieren (tat er nie, als pragmatisch konnte man ihn nicht bezeichnen) sondern für die inhalte der lehre... damals konnte man noch mit ihm diskutieren ohne dass er gleich aggressiv wurde. dennoch, dachte ich, mit seiner bildung und seinem wissen, das kann doch niemals sein ernst sein! und selbst wenn er sich wirklich für religion interessierte, waren diese menschen doch niemals die passenden gesprächspartner für ihn!.. wir redeten viel darüber, es war nie langweilig, ihm zuzuhören, egal, was er erzählte. er sagte, er hätte die überlegung, selbst ein pfarrer zu werden (in so einer sekte musste ma dafür kein studierter theologe sein). ehrlich gesagt, nahm ich das nicht all zu ernst. er ließs sich so für manches begeistern, wie früher für geschichte, politik, jura, und gab die dinge genauso leicht auf. es war nur verständlich, dass er sich im dorf langweilte und sein geist nach einer beschäftigung suchte. 
als die eltern starben, dachte ich, er wird dort wegfahren und  wo anders etwas neues versuchen. 
ich war kurz davor ihn zu mir einzuladen. ich schickte ihm mehrmals geld, damit er eine ordentliche grabstätte einrichten kann, doch bekam darauf keine rückmeldung von ihm. 
irgendwann erfuhr ich, dass er trinkt. spätestens dann wusste ich, dass alles vorbei ist. 
das einzige, woran ich  dachte: dort in der hütte gibt es noch die alten fotos von uns und von mama, die sogar noch vor dem krieg gemacht wurden.. und es gelang mir tatsächlich diese fotots zu bekommen, mit hilfe von freunden. es bleiben also nur noch erinnerungen. 
und nun sitze ich hier in der sonne auf der bank und betrachte das schloss und den brunnen davor.
ich bin nicht alkoholsüchtig (und werde es nie sein, das kann ich schwören) und auch nicht verrückt (zumindest nicht in dem maße, in dem es meine geschwister sind, allerdings kann ich nur hoffen, dass es so bleibt) und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie dort sind (oder vielleicht auch nicht mehr, von bruno habe ich schon seit fast 20 jahren nichts mehr gehört) und ich - hier, dass ich immer noch bunte farben sehe und höre, wie die vögel zwitschern und das wasser plätschert, und ich weiß nicht, wem ich dafür danken soll... 




heute ist mein geburtstag. das wetter ist fein, die sonne scheint, doch mir ist nicht nach feiern, ich will niemanden sehen, nicht einmal meine mutter. sie gratuliert mich am telefon, ich lasse sie auf den anrufbeantworter sprechen. nachmittags höre ich die nachrichten ab. dann föllt mir ein, dass der kerl, den ich neulich kennengelernt habe, mich mal zu einem picknick-date eingeladen hat. ich rufe ihn an und sage, dass heute wohl das perfekte wetter zum picknicken ist. er weiß allerdings nicht, dass ich geburtstag habe, das muss er auch nicht, denn wer soll es verstehen?.. wir treffen uns auf der wiese, wir haben snacks, er hat wein und gläser mitgebracht. wir machen uns einen schönen abend, reden viel. als es dunkel wird, gehen wir zu ihm, machen dort noch eine flasche wein auf, er will mir salsa beibringen... als die sonne aufgeht, sind wir im bett, schlafen miteinander. er dreht mein gesicht immer wieder zu sich, damit wir uns gegenseitig ansehen, und ich weiß wirklich nicht, warum ich es immer wieder wegdrehe...  dann steht er auf und geht in die küche wasser trinken. als er zurückkommt, wundert er sich darüber, dass ich wieder angezogen bin. ich wundere mich auch und ich weiß wieder nicht warum, aber ich verabschiede mich. ich schlafe in der bahn, die sonne scheint durch das fenster. paar tage später denke ich, das war doch ein netter kerl und ein netter abend, ich frage nach, was läuft. er schreibt, dass er kürzlich eine frau kennengelernt hat, mit der er eine beziehung starten möchte, und wünscht mir alles gute.